Sie klingt lebensklug als hätte sie alles bereits erlebt. So singt Arlo Parks etwa vom „Black Dog“ – Winstons Churchills Codewort für seine Depressionen: Dabei ist sie gerade mal 20. Die BBC feiert Parks schon als Pop-Sensation des Jahres.

Quelle: Arlo Parks – Collapsed in Sunbeams | ttt – titel, thesen, temperamente

Die Perversion von Politik und Kunst

CDU, AfD und Bauhaus wollen nicht, dass Feine Sahne Fischfilet in Dessau auftritt. Nicht weiter schlimm. Dramatisch aber ist das Missverständnis, das dem zugrunde liegt.
Feine Sahne Fischfilet: Jan "Monchi" Gorkow, Sänger der Band Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern
Jan „Monchi“ Gorkow, Sänger der Band Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern © Daniel Karmann/dpa

Nun sage noch jemand, die deutsche Popmusik sei unpolitisch geworden oder habe keine Erkenntnisse mehr zur politischen Lage zu stiften. Das Gegenteil ist der Fall, nirgendwo gelangt die politische Lage so früh, so deutlich und unmittelbar zur Erscheinung wie im Pop. Falls jemand beispielsweise noch geglaubt haben sollte, dass es im Deutschland des Jahres 2018 eine unüberbrückbare Kluft zwischen dem bürgerlichen Konservatismus und der Neuen Rechten gibt, dann zeigt die Gruppe Feine Sahne Fischfilet das Gegenteil auf: So wie sie beide in der Aggression gegen sich eint, demonstriert sie die Geistesverwandtschaft von CDU und AfD. Jetzt wieder in Sachsen-Anhalt, wo offenbar auf politischen Druck ein Konzert von Feine Sahne Fischfilet im Bauhaus in Dessau verboten wurde.

Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Niemand hat ein Recht darauf, im Bauhaus in Dessau aufzutreten, auch nicht Feine Sahne Fischfilet. Es handelt sich um eine Institution, in deren Stiftungsrat sich die politischen Mehrheitsverhältnisse im Land widerspiegeln. Und wenn die politische Mehrheit im Land sich für die Einschränkung der künstlerischen Freiheit ausspricht, dann haben alle Menschen, denen die künstlerische Freiheit am Herzen liegt, ja die Möglichkeit, bei den nächsten Landtagswahlen die politischen Mehrheitsverhältnisse zu ändern. Bis dahin bieten sich auch einer Band wie Feine Sahne Fischfilet immer noch genügend andere Auftrittsmöglichkeiten, auf die CDU und AfD keinen direkten Zugriff haben.

Dennoch ist interessant, wie das Bauhaus seine Entscheidung begründet. Das Konzert von Feine Sahne Fischfilet habe man abgesagt, weil „politisch extreme Positionen, ob von rechts, links oder andere … am Bauhaus Dessau keine Plattform“ finden sollten, heißt es in der Pressemitteilung. Auf welchem Weg man zu der Einschätzung gelangt ist, dass es sich bei Feine Sahne Fischfilet um eine „politisch extreme“ Band von „links“ handelt, wird nicht erläutert. Als „linksextrem“ gilt nach Definition des Amtes für Verfassungsschutz jeder, der „die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung“ überwinden und stattdessen „ein herrschaftsfreies oder kommunistisches System“ errichten möchte. Dieses Vorhaben kann man aus dem musikalischen Werk der Band nicht herauslesen. Sollte die Stiftung Bauhaus über neue Quellen und Informationen verfügen, so wäre es nützlich, wenn sie diese öffentlich machen könnte.

Seit Bekanntgabe des Auftrittsverbots haben viele Menschen in den sozialen Netzwerken ihre Zustimmung bekundet. Dies geschah meist mit der Begründung, dass Feine Sahne Fischfilet zu Gewalt gegen Polizisten aufrufe und vom Verfassungsschutz beobachtet werde. Korrekt ist, dass die Band zwischen 2011 und 2014 viermal im Verfassungsschutzbericht auftauchte, wegen vermeintlich staats- und polizeifeindlicher Passagen im Lied Staatsgewalt aus dem Jahr 2009. Darin erzählt der Feine-Sahne-Fischfilet-Sänger Jan „Monchi“ Gorkow davon, wie er auf einer friedlichen Demonstration von der Polizei grün und blau geprügelt wird, weil er eine Meinung verkündet, die den Polizisten nicht passt; und wie er daraus eine Rachefantasie entwickelt: „Was ihr könnt / können wir schon lange / Die Bullenhelme, die sollen fliegen / Eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein.“ Dieser Vergeltungswunsch ist fraglos abzulehnen und der damit verbundene Antifa-Straßenkämpfer-Maskulinismus mindestens unangenehm. Gleichwohl handelt es sich um eine gesungene Passage in einem Lied, das wesentlich gerade nicht von Gewaltwünschen handelt, sondern von einem Ohnmachtsgefühl.

Seit wann ist Kunst 1:1 zu nehmen?

Man kann solche Fantasien zweifellos als realen Selbstermächtigungsaufruf interpretieren. Das geht aber nur dann, wenn man zugleich der Ansicht ist, dass es zwischen einem künstlerischen Ausdruck und einer politischen Aussage keinen Unterschied gibt; dass also alles, was in einem Lied oder auf einer Konzert- oder Theaterbühne geäußert wird, eins zu eins zu verstehen ist. Würde man diesem Argument folgen, müsste man beispielsweise auch sämtliche Auftritte des Rappers Sido verbieten, der in seinem Arschficksong auf drastische Art erzählt, dass er sexuelle Lust nur beim schmerzhaften Quälen von Frauen zu empfinden vermag. Sido trat im Jahr 2016 im Bauhaus in Dessau auf, ohne dass der Stiftungsrat, die CDU oder die AfD irgendeinen Protest dagegen erhoben hätten.

Viele Debatten der jüngeren Zeit, in denen das Verhältnis von Pop und Politik zur Sprache kam, umkreisten das Problem der Ambivalenz. Etwa wenn es darum ging, ob ein Rapper wie Kollegah seine antisemitischen und sexistischen Texte tatsächlich so meint, wie er sie äußert, oder ob es sich dabei nicht um ein „Rollenspiel“ handelt. Selbst bei scharfer Kritik an solchen reaktionären Figuren wurde die Möglichkeit der Ambivalenz, des Nicht-so-gemeint-seins, doch immerhin abgewogen. Bei der Kritik der Neuen Rechten an Feine Sahne Fischfilet wird diese Möglichkeit von vornherein ausgeschlossen. Für sie steht außer Frage, dass hier alles genauso gemeint ist, wie es gesagt wird. Darin – und das ist das eigentlich Interessante an diesem Fall – zeigt sich eine generelle Verkehrung von Ästhetik und Politik auf der Seite der Neuen Rechten.

Zu deren typischen und hinlänglich analysierten rhetorischen Mustern zählt ja gerade der strategische Gebrauch von Ambivalenzen, das Wechselspiel aus Provokation und Relativierung: Man sagt etwas, über das sich alle aufregen, und behauptet hinterher, es sei „alles nicht so gemeint“ gewesen. Dieses Muster stammt seinerseits natürlich aus dem Feld des Ästhetischen. Eigentlich ist die Kunst ja der Bereich des Lebens, in dem „alles nicht so gemeint“ ist, wie es erscheint. Auch Feine Sahne Fischfilet könnten dies für ein Lied wie Staatsgewalt in Anspruch nehmen. Es wird ihnen aber nicht zugestanden, und das nicht nur aus einem kurzfristig politischen Kalkül, sondern aus strukturellem Grund. So wie die Neuen Rechten die Politik ästhetisieren und mit kalkulierten Mehrdeutigkeiten durchsetzen – so wollen sie umgekehrt der Kunst jedes Recht auf Nicht-so-gemeint-sein entziehen. Es gehört zum Wesenskern dieser politischen Ideologie, dass sie die  Hoheit über die Ambivalenzproduktion absolut für sich allein beansprucht. Ästhetische Gegenstände kommen in diesem Weltbild nur noch als Medium zur Verbreitung eindeutiger politischer Botschaften vor.

Dieser Umstand wurde uns durch das Bauhaus Dessau jetzt noch einmal in dankenswerter Klarheit vor Augen geführt. Klar ist aber auch, dass in einer Gesellschaft, in der die Ästhetisierung der Politik und die Entästhetisierung der Kunst zum Abschluss gelangt, eine ästhetische Institution wie das Bauhaus kein Daseinsrecht mehr besitzt.

Aus dem Schmerz über den Verlust seines Sohnes hat Nick Cave ein grossartiges Album geschaffen. «Skeleton Tree» ist düster aber voller Kraft. Im Dokumentarfilm «One More Time With Feeling» sinniert Cave über das Weiterleben nach dem Schock.

Ein Porträt von Nick Cave.

«Songs sind wie Träume, manchmal können sie Dinge vorhersagen.» Eine der Aussagen des Kultmusikers Nick Cave im Dokumentarfilm «One More Time With Feeling» (Trailer), die hängenbleibt.

Aus den Studioaufnahmen, die der Film dokumentiert, entstand «Skeleton Tree» – das bereits 16. Album mit seiner Band «The Bad Seeds». Es ist voller tiefschwarzer Bilder und besticht durch seine Kraft und schlichte Menschlichkeit, exemplarisch dafür steht der Song «I Need You» (Video), der noch lange nachhallt.

Ein Prophet im eigenen Leben

In «Jesus Alone» (Video) fällt gleich zu Beginn ein Mensch vom Himmel. Wie eine ferne Ahnung des tödlichen Sturzes seines Sohnes Arthur von den Kreidefelsen bei Brighton. Nick Caves Wahlheimat.

Im vergangenen Sommer war es passiert, mitten in den Aufnahmen. Arthur hatte mit Freunden erstmals LSD probiert. Den tiefen Sturz überlebte er nicht. Zurück blieben sein Zwillingsbruder und seine Schwester. Und die Eltern, Nick Cave und Susie Bick.

Sie schirmten sich von der Öffentlichkeit ab, einzig der Filmemacher Andrew Dominik hatte Zugang mit seinen Kameras. Geplant war ursprünglich eine reine Dokumentation der Studioaufnahmen, doch man kam überein, dass es mehr sein sollte. Ein Ventil für Nick Cave, seine Gedanken, seinen Schmerz. Gedreht in Schwarzweiss und 3D – aber so flüchtig, wie das Glück: nur an einem Abend in den Kinos zu sehen. Bis jetzt jedenfalls.

«Ich trage Arthur in meinem Herzen – aber er lebt nicht mehr»

Wie darüber sprechen, ohne dass das Geschehene zur Plattitüde verkommt? Der Survivor, der schon viele eigene Schicksalsschläge überstanden hat, kommt hier ins Wanken.

Er berichtet von unbekannten Menschen, die ihn im Supermarkt und auf der Strasse ansprechen. Gutgemeinte Worte des Trosts. Dass der Sohn doch im Herzen weiterlebe. Trotzig wehrt sich Cave gegen solche hilflosen Versuche. Er trage seinen Sohn sehr wohl im Herzen, aber leben tue dieser nicht mehr.

«Ich glaube, ich verliere meine Stimme, meine Erinnerung, mein Urteilsvermögen», sagt Cave einmal. Und er macht sich Sorgen um seine Erscheinung. Seine Tränensäcke im Spiegel, der Regisseur sage, er sehe aus wie ein ramponiertes Denkmal. Mal fragt er seinen Mitmusiker, ob die Frisur auch richtig sitzt. Mit einer der komischsten Momente, die der Film glücklicherweise auch hat. Sonst wäre er wohl ziemlich schwer zu ertragen.

Der Mann in Schwarz trägt dunkelschwarz

Denn Cave ist zwar stets in feinem Gewand gekleidet, steht aber doch entblösst vor seinem Publikum: «Wann bist du ein Objekt des Mitleids geworden?» Nie hätte er zu einer Kamera über seinen Schmerz sprechen wollen. Nun tut er es trotzdem.

Diesen Widerspruch muss man aushalten können. Dann eröffnet sich einem die innere Welt eines der grössten Songwriters unserer Zeit.Was ihm jetzt aber widerfahren ist, das lasse ihn und seine Familie nie mehr los. Wie ein Ring oder ein Zaun, der sie straff umfasst. Das Leben geht weiter, es kann okay sein, aber das Geschehene lässt sie nie weit weg kommen.

Was Cave als «extrem schädlich für den kreativen Prozess» beschreibt, wird letztlich aber zum Gewinn für die Musikhörer. «Skeleton Tree» ist sein alles überdauerndes Zeugnis dieser Zeit – Nick Caves grosses Traueralbum.

„Kofelgschroa. Frei. Sein. Wollen“: Entschleunigung auf Bayerisch | ZEIT ONLINE.

Entschleunigung auf Bayerisch

Gegen das Schubladendenken: Der Film über die Oberammergauer Band Kofelgschroa ist genau so tiefgründig wie die Musiker selbst. Und anrührend zugleich. von Heike Littger

"Kofelgschroa. Frei. Sein. Wollen": Entschleunigung auf Bayerisch

Die Band Kofelgschroa im gleichnamigen Dokumentarfilm von Barbara Weber  |  © movienet

Die Band kurz vor ihrem Auftritt auf dem on3-Festival im Münchner Funkhaus. Eine Fernseh-Journalistin will wissen, welche Art von Musik sie denn spielen. Die Musiker von Kofelgschroa schauen sich fragend an. Erzählen zögernd etwas über Wiederholungen und Trance und Hypnose. Dass das aber eigentlich alles nur Begriffe seien, aus der Not heraus geboren, weil man sich immer irgendwie erklären müsse. Letztlich fangen die vier jungen Männer untereinander zu diskutieren an, ob sie denn nun politisch seien oder sozialkritisch oder einfach nur kritisch. Einer vom Fernsehteam verdreht die Augen, wendet sich ab. Was für schräge Vögel.

Dass nun ein Film über die bayerische Band Kofelgschroa in den Kinos anläuft, hat mit Zufall, Zuversicht und Hingabe zu tun. Die Regisseurin Barbara Weber drehte gerade in einer Münchner Wirtschaft, als plötzlich Maxi Pongratz, Matthias Meichelböck und die Brüder Martin und Michael von Mücke mit Horn, Tuba, Gitarre und Akkordeon hereinspazierten. Erst dachte auch sie: Schräg. Als sie anfingen zu spielen: charmant. Nach einem Gespräch mit ihnen: wunderbar. Webers Vater, ehemals zweiter Hornist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, hatte einmal gesagt: „Ein richtig guter Musiker muss ein Musikant sein.“ Und genau das hörte und spürte die Regisseurin bei der Band: „Keine technische Brillanz, sondern eine Spielfreude, die einen packt und tief berührt.“

Sie blieb mit den Jungs in Kontakt, besuchte sie in deren Heimatort Oberammergau. Da kamen die Musiker gerade vom weltweit größten Blechbläserkonzert aus dem serbischen Guča zurück. Mit dem Fahrrad hatten die vier die gut 1.000 Kilometer zurückgelegt, um mit Musikern aus aller Welt auf den Trottoirs der Stadt zu spielen. Ihre zuweilen leise, melancholische Musik kam jedoch nicht gut an, sie wurden verscheucht, schliefen in Rohbauten, eines Morgens war ihre mühsam ersparte Videokamera weg.

„Jeder andere hätte sich vermutlich darüber geärgert“, sagt Weber. „Wäre traurig gewesen, frustriert. Die Jungs sagten nur: ‚Da haben wir nicht reingepasst‘ und ‚Die Kamera hat jetzt jemand anders.'“ Spontan schlug Weber damals vor: Lasst uns eine Doku drehen. „Ich musste das einfach einfangen“, sagt sie heute, „diese bayerisch-lakonische Art, einfach nur zu sein. Dinge zu nehmen, wie sie sind.“ Und dennoch vieles infrage zu stellen. Die Musiker fanden die Idee „saukomisch“. Ließen sich dann aber doch darauf ein. Meistens.

„Kofelgschroa“ war nicht Low Budget, sondern No Budget

Über sechs Jahre zogen sich die Dreharbeiten hin. In diesen sechs Jahren standen Weber und der Münchner Kameramann Johannes Kaltenhauser mehr als ein Mal am verabredeten Treffpunkt und warteten. Manchmal fragten sie sich, warum sie sich das antaten. Bis zum Schluss gab es keinen Sender, keinen Verleih, der den Film haben wollte. Kofelgschroa war nicht Low Budget, sondern No Budget. Alles wurde aus eigener Tasche finanziert. „Doch irgendwann haben wir begriffen“, sagt Weber, „dass es genau darum in der Geschichte geht.“

Nicht nur um die unkonventionelle Art der Oberammergauer. Um ihre musikalische Entwicklung von Straßenmusikanten, die das eingesammelte Geld sofort in der nächsten Wirtschaft versoffen, zu einer gefragten Band. Sondern auch um das zutiefst menschliche Bedürfnis, zögern, zweifeln und innehalten zu dürfen.