Corona hat das Hamsterrad des Lebens gebremst, trotzdem sind wir rastloser. Soziologe Hartmut Rosa sagt, warum die Krise die Jungen besonders trifft.

Quelle: Soziologe Hartmut Rosa im Gespräch: „Die Umwege fehlen jetzt“

Ist es auch für Sie neu, dass die Rastlosigkeit von innen kommt und nicht aus dem äußeren Hamsterrad des Lebens?

Das ist der Zwiespalt der Moderne: Der Beschleunigungsdruck kommt nicht einfach nur von außen und das Resonanzverlangen nicht nur von innen. Sofern der Kapitalismus am Hamsterrad schuld ist, ist er auch in uns. Theoretisch war mir das klar, aber ich habe es nie so deutlich erfahren wie jetzt. Aber es gibt einen anderen Aspekt, den ich früh thematisiert hatte: Es entsteht nicht nur Aggressivität, sondern eine Art von Lethargie und Erschöpfung. Ich habe gerade ein Seminar gemacht über die Frage: Wo kommt Energie her? Ich beziehe mich da stark auf den Soziologen Randall Collins. Wir haben immer geglaubt, Energie sei eine individuelle und psychische Eigenschaft.

Ist nicht so?

Inzwischen glaube ich: Die Energie, die wir haben und in soziale Interaktion umsetzen, kommt aus der dichten Interaktion selber. Auch aus der irritierenden Interaktion, wenn mich zum Beispiel jemand anrempelt.

Auch geistig?

Genau. Wir sehen jetzt, wie sehr wir das Irritierende, das Überraschende, die erfreuliche oder unerfreuliche soziale Interaktion brauchen, um aus unseren Routinen, auch den gedanklichen, herauskommen zu können. Dieser digitale Austausch, den wir jetzt machen, ist gut, um schnell Informationen auszutauschen. Aber Kultur, sagt Hans Blumenberg, entsteht durch das Gehen von Umwegen – und diese Umwege fehlen jetzt. Ich kann nicht schnell auf einen Kaffee irgendwo hin, ins Kino oder jemanden treffen. Es ist nicht nur so, dass viele Menschen unruhig sind und ihre Resonanzachsen nicht so gut funktionieren, wie sie dachten, sondern dass ihnen eigenartigerweise – ich habe dafür keine empirischen, aber ganz gute anekdotische Evidenzen – sogar der Impuls zu sozialen Kontakten fehlt, wo sie sie haben könnten. Aber dazu fehlt die Energie, und dieser Energieverlust kommt aus der fehlenden sozialen Interaktionsdichte.

Siehe auch folgendes Interview in der Talkshow „Precht“ vom 30.1.2022:

https://www.zdf.de/gesellschaft/precht/precht-236.html

Überwachung: Rechtlos? Aber sicher! | ZEIT ONLINE.

Rechtlos? Aber sicher!

Ein Jahr nach dem NSA-Skandal stellt sich die Frage, ob wir ernsthaft etwas gegen unsere Überwachung haben. von 

Zum Skandal, den die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden vor etwa einem Jahr ausgelöst haben, ist jüngst das Buch Der NSA-Komplex der Spiegel-Redakteure Marcel Rosenbach und Holger Stark erschienen, das man nur als Glücksfall bezeichnen kann (Deutsche Verlags-Anstalt, 384 S., 19,99 €). Nicht nur weil die zahlreichen Verzweigungen der geheimdienstlichen Überwachungsanstrengungen en détail nachgezeichnet werden, was ein kriminologisches Lesebedürfnis befriedigt. Sondern weil man nach der Lektüre schlechterdings weiß, dass das Ausmaß des Skandals nicht im Ansatz ins kollektive Bewusstsein gerückt ist.

Man muss es sich noch einmal deutlich vor Augen führen: Die NSA mit ihren 40.000 Mitarbeitern und einem Etat von 10,6 Milliarden Dollar im Jahr sammelt jährlich Billiarden von Datensätzen, und zwar verdachtsunabhängig. Die Behörde wird nicht aufgrund eines begründeten Anlasses tätig. Sie sammelt Daten, weil jemand in Zukunft verdächtig werden könnte. Und zwar so gut wie in jedem Staat der Welt. Sie hat nicht nur Zugriff auf Metadaten, sondern aufgrund der ungehemmten Spionage der britischen Partnerorganisation GCHQ und ihres berüchtigten Tempora-Programms auch auf die Internetinhalte – auf Mails, Fotos, Gespräche, auf Einträge in Sozialen Netzwerken, kurzum: auf alle Daten, die über das transatlantische Glasfasernetz der Briten gelenkt werden. Die Spionagetätigkeit wird lediglich durch die Speicherkapazität begrenzt, die aber – etwa mithilfe eines riesigen, im Bau befindlichen Rechenzentrums in Utah – derzeit massiv ausgebaut wird.

Rosenbach und Stark zeigen auf, was noch bis vor wenigen Monaten als irre Verschwörungstheorie abgetan worden wäre. Erstens: Unsere Aktivitäten im Netz werden von der NSA umfassend aufgezeichnet. Zweitens: Die Überwachung erfolgt maßgeblich mithilfe eines Mitglieds der Europäischen Union, nämlich Großbritannien. Drittens: Die Bundesrepublik ist, was die Sicherheit der Kommunikation ihrer Bürger anbetrifft, kein souveränes Land. Viertens: Die Telekommunikationsunternehmen kooperieren umfassend mit den Geheimdiensten. Fünftens: Die britischen und amerikanischen Geheimdienste werden von anderen staatlichen Institutionen, wenn überhaupt, nur mangelhaft und nur punktuell kontrolliert. Die NSA verfährt weitgehend autonom, was direkt auf George W. Bush und seinen Antiterror-Krieg zurückgeht: Er hat die Kompetenzen und Zugriffsmöglichkeiten des Geheimdienstes nach dem Anschlag auf das World Trade Center unter Ausschluss der Öffentlichkeit radikal ausgeweitet.

Man muss an all dies erinnern, Punkt für Punkt, um das Missverhältnis zwischen dem tatsächlichen NSA-Skandal und seiner öffentlichen Wahrnehmung zu ermessen. Zwar wird die Datensammlerei durchaus problematisiert, vorzugsweise im Feuilleton der FAZ und im Spiegel, zugleich aber werden die Zunahme der digitalen Vernetzung und das erhoffte demokratiestiftende Potenzial von Facebook und Co. gefeiert – als bestünde gar kein Zusammenhang zwischen einem ungebremsten Ausbau der Vernetzung und einem ungebremsten Ausspähen durch die Nachrichtendienste. Noch die glühendsten Kritiker der geheimdienstlichen Aktivitäten wie Rosenbach und Stark aber bekunden mit einiger Umständlichkeit, dass sie natürlich keine Gegner der digitalen Revolution seien, sondern lediglich den staatlichen und privatwirtschaftlichen Missbrauch von Daten beklagten. Wer die NSA kritisiert, bringt Technikskepsis und Technikeuphorie vorsorglich in Einklang, um nicht den Eindruck des Gestrigen und Unfrischen zu hinterlassen.

Es ist diese Zaghaftigkeit, die der Diskussion um die Digitalisierung fast aller Lebensbezüge letztlich etwas Esoterisches und Unhandliches verleiht. Und womöglich etwas Fatales: Denn so gut wie alle Industriezweige arbeiten derzeit fieberhaft am „Internet der Dinge„, an unserer Vernetzung mit dem Kühlschrank oder dem Auto, der Heizung, dem Fernseher – und damit nicht nur an einer massiven quantitativen wie qualitativen Steigerung des Datenaufkommens, sondern auch an der lückenlosen Algorithmisierung unseres Alltags, die darauf abzielt, unser Verhalten berechenbar, antizipierbar und damit verwertbar zu machen.

Selbstzensur durch Massenüberwachung: Wir werden uns nicht mehr wiedererkennen – Feuilleton – FAZ.

Selbstzensur durch Massenüberwachung Wir werden uns nicht mehr wiedererkennen

07.04.2014  ·  Vor mehr als hundert Jahren hat Freud nachgewiesen, dass der Mensch sich selbst zensiert. Im Zeitalter digitaler Massenüberwachung droht uns Selbstzensur in ganz anderem Ausmaß: Unser Verhalten ändert sich grundlegend.

Von Peter Galison

© dpa Vergrößern Will streetlamps soon be equipped not only with LED’s but also with facial recognition technology?

Am 24.Februar 1998 – Edward Snowden war gerade einmal fünfzehn – stellte die NSA eines der bemerkenswertesten Dokumente in der Geschichte und Theorie der Kommunikationsmedien fertig. Das Internet stand seit wenigen Jahren für die kommerzielle Nutzung zur Verfügung und bestimmte in zunehmendem Maß die Zwei-Wege-Kommunikation, was den Nachrichtendiensten natürlich nicht verborgen blieb.

English Version: We won’t be able to recognize ourselves

In dem Papier heißt es: „In der Vergangenheit operierte die NSA in einer überwiegend analogen Welt von Punkt-zu-Punkt-Verbindungen, die über diskrete, feste Sprechkanäle liefen. Der Zugang zu diesen Verbindungen konnte meistens auf konventionellem Weg hergestellt werden. Inzwischen findet Kommunikation überwiegend digital statt, mit Milliarden von Bits, über Sprache, Daten und Multimedia. Sie wird dynamisch weitergeleitet, ist global vernetzt und stützt sich immer weniger auf traditionelle Kommunikationswege wie Mikrowelle oder Satelliten. Um ihren offensiven und defensiven Auftrag erfüllen zu können, muss die NSA ‚im Netz leben‘.“

Im Schatten der Schatten

Die NSA und ihre Partner haben in der Tat dazugelernt. Sie „leben im Netz“, überwachen Tweets und SMSe, Mails und Videoanrufe, soziale Netzwerke, Spiele, Fotos, Suchanfragen und Telefone. Sie sind nicht die Einzigen, die ein gigantisches digitales Schleppnetz ausgeworfen haben. Die Briten betreiben eine aggressive elektronische Überwachung, die Franzosen haben ihre eigenen Schnüffelinstrumente, und die Deutschen sind bestens vertraut mit den „Kronjuwelen“ der NSA, etwa dem digitalen Staubsauger XKeyscore, einem Programm, mit dem sie Mails, Chats und Browserverläufe durchsuchen und Abermillionen Datensätze abgreifen können. Laut einem Bericht des „Spiegel“ lobte die NSA die deutsche Regierung dafür, „ihre Auslegung des G-10-Gesetzes geändert zu haben, um dem BND mehr Flexibilität bei der Weitergabe geschützter Daten an ausländische Partner zu ermöglichen“.

Internetüberwachung findet natürlich nicht nur in Europa und in Nordamerika statt. Wer nicht weiß, dass die Chinesen und Russen massiv in Cyberspionage investieren, lebt in einem anderen Sonnensystem. Multinationale Unternehmen geben sich „schockiert“ und „empört“ darüber, dass ihre Server und Datenleitungen angezapft werden – ihr Protest fällt etwas zu laut aus. Gleichzeitig sammeln und nutzen diese Unternehmen Daten über uns in beispiellosem Umfang. Und im Schatten der Schatten bewegen sich Cyberkriminelle, die Daten von Staaten und Unternehmen stehlen.

Leerstellen im Bewusstsein

Das Schockierendste, was ich im letzten Jahr gelesen habe, war nicht, dass Geheimdienste elektronische Spionage betreiben, sondern ein kleines lachsfarbenes Textfeld in der rechten unteren Ecke einer Powerpoint-Präsentation der NSA zu Prism: „Kosten für Prism: ~ 20M pro Jahr.“ Zwanzig Millionen Dollar jährlich? Für die NSA ein lächerlicher Betrag, der auch deswegen so gering ist, weil man durch Druck, durch gesetzliche Vorgaben oder heimlich an die Daten der Unternehmen kam. Die Mühelosigkeit dieser Überwachung, auf die diese geringe Summe hinweist, bedeutet, dass diese Debatte faktisch beendet ist. Sicherlich wird das eine oder andere Programm eingeschränkt werden. Aber niemand, keine Institution, kein Vertrag, kein Gesetz, kein Land, wird die weltweite Datensammelei einstellen.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Peter Galison, Jahrgang 1955, gehört zu den bedeutendsten Wissenschaftshistorikern; er ist Professor für Wissenschaftsgeschichte und Physik an der Harvard University. Gemeinsam mit Robb Moss drehte er den Dokumentarfilm „Secrecy“ (2008) über Strategien staatlicher Geheimhaltung. Siehe auch Peter Galisons Kunstprojekt „Sensity“.

In unserer Reihe über die Auswirkungen der digitalen Revolution auf die Geisteswissenschaften schrieben bisher Hans-Ulrich Gumbrecht, Claus Pias und Philip Mirowski.

 

Umgang mit Risiken: Passiert schon nichts – Wissen – Tagesspiegel.

Umgang mit Risiken:  Passiert schon nichts

30.03.2013 00:00 Uhr Von Gerd Gigerenzer

Riskant. Der Mensch geht ständig Risiken ein. Er kann und muss nur lernen, rational damit umzugehen, sagt der Psychologe Gerd Gigerenzer. Foto: Science Photo Library
Riskant. Der Mensch geht ständig Risiken ein. Er kann und muss nur lernen, rational damit umzugehen, sagt der Psychologe Gerd Gigerenzer. – Foto: Science Photo Library

Von Pillen, Passagieren und der Angst, dass etwas schiefgeht. Warum Bürger endlich lernen müssen, Risiken richtig einzuschätzen.

Erinnern Sie sich an den Vulkanausbruch auf Island mit seiner Aschewolke? Die Immobilienkrise? Was ist mit dem Rinderwahnsinn? Jede neue Krise macht uns Sorge, bis wir sie vergessen und uns wegen der nächsten sorgen. Viele von uns saßen in überfüllten Flughäfen fest, sahen sich durch wertlos gewordene Pensionsfonds ruiniert oder hatten Angst davor, sich ein saftiges Steak schmecken zu lassen. Wenn etwas schiefgeht, erzählt man uns, künftige Krisen ließen sich durch bessere Technik, mehr Gesetze oder aufwendigere Bürokratie verhindern. Wie können wir uns vor der nächsten Finanzkrise schützen? Strengere Vorschriften, kleinere Banken und bessere Berater.

Wie können wir uns vor der Bedrohung durch den Terrorismus schützen? Größeres Polizeiaufgebot, Ganzkörperscanner, weitere Einschränkung der individuellen Freiheit. Was können wir gegen die Kostenexplosion im Gesundheitswesen tun? Steuererhöhungen, Rationalisierung, bessere Genmarker.

[youtube=http://youtu.be/cCFK8t8PoU4]

Genau passend dazu die Scobelsendung vom 11.4.2013 zum Thema ‚Entscheidungen‘: http://www.3sat.de/page/?source=/scobel/168748/index.html

Und hier noch der Link zu einem Spiegelinterview mit Gerd Gigerenzer vom 18.3.2013: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-91568150.html

 

Precht – ZDF.de.

Im Mittelpunkt dieser Sendung, mit der Schriftstellerin Juli Zeh als Gast, steht der Mensch mit seinem Wunsch nach Perfektion. Noch nie in der Geschichte haben sich Menschen so sehr mit sich und ihrem Körper beschäftigt wie heute. Wir optimieren unser äußerliches Erscheinungsbild, unsere Gesundheit und demnächst vielleicht sogar unsere Gene.

Wir wollen perfekt sein, absolut vollkommen. Die Vollkommenheit und Fitness unseres Körpers ist zum Marketing-Instrument geworden. Nicht nur im Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt sondern auch im ganz privaten Leben. Eine neue Schere öffnet sich. Die Wohlhabenden können sich die Gesundheits-Konditionierung leisten, die Ärmeren nicht.

 

Dann mach doch die Bluse zu! – Blogpost | Freie Welt.

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Vielleicht wäre uns diese ganze Debatte erspart geblieben, wenn an diesem ominösen Abend an der Bar nicht Rainer Brüderle, sondern George Clooney gestanden hätte, um seine Tanzkarte an Frau Himmelreich weiterzureichen. Aber so müssen wir alle teilhaben an dem jämmerlichen Balzversuch des Altpolitikers gegenüber der aufsteigenden Jungjournalistin. Denn die ganze Nummer bekommt einen ganz neuen Dreh, wenn männliche Annäherung auf fruchtbaren Boden fällt. Dann wäre es unter Umständen die Geschichte eines heißen Flirts geworden und Frau Himmelreich hätte bis an ihr Lebensende einen echten Clooney bei ihren Freundinnen zum Besten geben können. Was wir daraus lernen? Wo persönliche Befindlichkeit als ausreichender Gradmesser erscheint, um Sexismus zu definieren, verkommt der Begriff zur Beliebigkeit.