Michel Houellebecq: Moral ist der falsche Maßstab | ZEIT ONLINE.

Wenn Satire alles darf, warum nicht auch Michel Houellebecq? Die Diskussionen um seinen neuen Roman sind bisweilen hanebüchen und zeugen von einem Missverständnis. von Nils Markwardt

Houellebecq Soumission

Michel Houellebecqs neuer Roman in einer Pariser Buchhandlung  |  © Jacky Naegelen/Reuters

Schon Tage bevor Michel Houellebecqs neuer Roman Unterwerfung (Soumission) in den französischen Buchhandlungen auslag, war der Skandal perfekt. Der nicht einmal 300 Seiten starke Text, der das Szenario einer islamischen Machtübernahme in Frankreich entwirft, galt als literarischer Brandsatz. Laurent Joffrin, der Chefredakteur der linksliberalen Tageszeitung Libération, konstatierte etwa, das Erscheinen von Unterwerfung sei „nicht nur ein literarisches Ereignis, das nur mit ästhetischen Kriterien bewertet werden kann. Nolens volens hat dieser Roman eindeutig eine politische Resonanz. (…) Er markiert in der Geistesgeschichte das Datum, an dem die Ideen der extremen Rechten – wieder – in die hohe Literatur eingedrungen sind.“

Der Journalist Sylvain Bourmeau, der kürzlich ein ausführliches Interview mit Houellebecq für das amerikanische Literaturmagazin Paris Review führte, bescheinigte dem Autor „literarischen Selbstmord“. Hierzulande, wo Unterwerfung am kommenden Freitag erscheint, schaffte es das Buch sogar in die Tagesthemen, in denen man dem Roman attestierte, das „Schreckensszenario“ einer islamischen Herrschaft auszubuchstabieren. Die taz sekundierte schließlich, dass das Buch „islamophobe Ressentiments“ schüre und es Pegida-Demonstranten „als Horrorerlebnis zur Bettlektüre“ gereichen würde.

Unter normalen Umständen hätten sich die Wogen nun womöglich relativ schnell wieder geglättet, da jeder, der den Roman gelesen hat, eigentlich zur Einsicht gelangen müsste, dass solch schrille Einschätzungen allzu abenteuerlich sind und Houellebecq mit Sicherheit keine Ideen der extremen Rechten proklamiert.

Video: Michel Houellebecq - Mein Buch stellt keinen bedrohlichen Islam dar

Noch vor dem Terroranschlag in Paris hat der französische Autor Michel Houellebecq sein neues Buch „Unterwerfung“ verteidigt. Der Roman entwirft eine politische Fiktion für das Jahr 2022, in der Frankreich einen muslimischen Präsidenten hat. Video kommentieren

Momentan herrschen jedoch keine normalen Umstände. Denn am 7. Januar, jenem Tag, als Unterwerfung in Frankreich veröffentlicht wurde, ereignete sich das Attentat auf das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo, welches insgesamt zwölf Menschen das Leben kostete; zwei Tage später die Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt, während der weitere vier Menschen starben.

Von nun an war die Rezeption von Unterwerfung untrennbar an diese islamistisch motivierten Anschläge gekettet. Nicht zuletzt auch deshalb, weil das Satiremagazin in seiner aktuellen Ausgabe eine Houellebecq-Karikatur auf dem Cover hatte. Dementsprechend schrieb etwa die FAZ: „Die Schüsse auf die Redaktion von Charlie Hebdo galten auch Houellebecq.“ Im Stern verstieg man sich sogar zu dem hanebüchenen Satz: „Für alles, was jetzt noch kommt, trägt auch er seinen Teil Verantwortung.“

Hysterische Reaktionen

Houellebecq selbst, der mit dem Wirtschaftsjournalisten Bernard Maris auch einen Freund bei dem Anschlag auf Charlie Hebdo verlor, zeigte sich schockiert, sagte alle weiteren Termine ab und hält sich nun an einem unbekannten Ort auf. Die Debatte um sein Buch läuft weiter. Diskutiert wird dabei nicht zuletzt weiterhin die Frage, wie moralisch oder unmoralisch es nun sei, das literarische Szenario einer europäischen Islamisierung zu entwerfen? Und bisweilen sind es dabei paradoxerweise die gleichen Leute, die sich zwar lautstark mit Charlie Hebdo solidarisieren und die Satirefreiheit verteidigen, über Houellebecq jedoch mindestens die Nase rümpfen.

Angesichts der Pariser Attentate müssen derzeit nun leider nicht wenige Menschen an ein paar Selbstverständlichkeiten erinnert werden. Zuvorderst daran, dass Islam nicht mit Islamismus zu verwechseln ist und Gläubige, gleich welcher Religion, nicht im Kollektivsingular existieren. Ob mancher hysterischer Reaktionen auf Unterwerfung muss man indes ebenso ins Gedächtnis rufen, dass ein Roman nicht wie ein Sachbuch, ein politisches Manifest oder eine Bedienungsanleitung zu lesen ist. Und das bedeutet zunächst vor allem, dass Moral kein primäres Kriterium der Literaturkritik sein kann. Denn wer Romane an moralischen Maßstäben misst, kastriert die Kunst.

Video: Michel Houellebecqs Unterwerfung - Eine tragische Satire gegen Europa in seiner jetzigen Verfassung

In seinem Zukunftsroman „Unterwerfung“ erzählt Michel Houellebecq von einem islamischen Frankreich im Jahr 2022. Ist dieses vieldiskutierte Buch nach den schrecklichen Anschlägen von Paris eine Warnutopie? Video kommentieren

Das heißt nun freilich nicht, dass das Label Literatur etwa die Verbreitung von Rassismus und Fremdenhass rechtfertigen könnte. Es heißt aber sehr wohl, dass Kunst radikal amoralisch sein darf. Das zeigt sich beispielhaft an den Büchern des Marquis de Sade.

Denn das Werk dieses Wüterichs der Weltliteratur, der anlässlich seines 200. Todestags jüngst noch einmal ausgiebig von den Feuilletons gewürdigt wurde, offenbart sich ja gewissermaßen als eine riesige, gleichermaßen monströse wie sexistische Gewaltfantasie. Und zwar derart, dass selbst hartgesottene Horrorfans bei der Lektüre von Die 120 Tage von Sodom oder Justine vermutlich kräftig schlucken müssen. Gleichwohl attestierte beispielsweise Simone de Beauvoir dem Marquis jenen ungeheuren Verdienst, „die Wahrheit des Menschen gegen jeden Abwehrmechanismus der Abstraktion und Entfremdung proklamiert zu haben.“ Ähnlich urteilte Albert Camus, der in de Sades „enormer Kriegsmaschine“ die „Argumente der Freidenker“ versammelt sah. Um genau dies zu erkennen – und die Texte de Sades nicht als, sagen wir, Apologie eines pornografischen Proto-Faschismus misszuverstehen –, bedarf es jedoch jenes genauen Umgangs mit Literatur, den man sich auch in der aktuellen Debatte um Unterwerfung vermehrt wünschen würde.

  1. Seite 1 Moral ist der falsche Maßstab
  2. Seite 2 Die Differenzierung ist nicht immer einfach
  3. Seite 3 Es geht überhaupt nicht um den Islam

Juli Zehs Poetikvorlesung: Vom Nur-So zum Roman – Autoren – FAZ.

08.07.2013 ·  Juli Zeh verteidigt in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung Literatur als einen Rückzugsraum der Anarchie, eingefangen zwischen zwei Buchdeckeln. Und beschreibt damit zugleich ihre eigenes Verfahren.

© Fricke, Helmut Animierend: Juli Zeh

Am Ende der dritten Vorlesung war Juli Zeh bei ihren Kritikern angelangt. Versammele sie alle Stimmen, die seit je versicherten, die Autorin Zeh tauge nichts, dann klinge das in etwa so: „Zuerst das Gute: Der neue Roman von Juli Zeh ist weniger lang als seine Vorgänger.“ Die Konstruktion der Rahmenerzählung aber sei ebenso bemüht wie die Sprachfähigkeit der Autorin begrenzt. Juli Zeh sei eine „Schwallmadame“, „Quatschnudel“, „Dauerpowerfrau“, und „apokalyptisch altkluge Angeberin“. Glücklicherweise wolle sie sich nun ihrer juristischen Doktorarbeit zuwenden. „Da kann sie weiter Thesenklappriges aufeinanderstapeln. Und das Beste: Lesen muss es nur einer.“

Das, sagte Juli Zeh anschließend, stamme nicht von ihr, sondern sei eine kleine Zitatencollage aus Rezensionen ihrer Bücher der letzten Jahre. Ihre Frankfurter Poetikvorlesung kam damit der Literaturdefinition der Romantiker relativ nah: dass ein Werk nämlich immer auch seine Kritik enthalten solle. Das galt auch jenseits ironischer Anklänge. Denn Zehs Poetikvorlesung, einige Tage vor Beginn bereits unter dem Titel „Treideln“ im Schöffling Verlag erschienen, war mit nahezu jedem Satz eine Wiederbelebung romantischen Literaturverständnisses. Wenn sie schreibe, hatte Zeh in der zweiten Vorlesung erklärt, dann in Form des „Nur-So“: „Das Nur-So ist eine Textart, die jederzeit gelöscht werden kann. Sie dient keinem Leser, sondern ausschließlich dem Autor. Das Nur-So besteht aus Textfetzen, Szenen, Kurzdialogen, einzelnen Sätzen oder auch kleinen, in sich geschlossenen Episoden. Ein Nur-So kann zu beträchtlicher Länge anwachsen.“ Etwa so seien fast alle ihre Romane entstanden. (…)

 

Sprechen und Sprechkrisen

„Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ (1/3)

Von Dagmar Lorenz

Sprache gilt von alters her als Grundbedingung des Menschseins. Im ersten Teil der Dreierserie „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ widmet sich die Literaturwissenschaftlerin Dagmar Lorenz in ihrem Essay dem Thema „Sprechen und Sprechkrisen“.

Bereits in der Antike taucht die Frage auf, ob Sprache wirklich zur Verständigung tauge – und ob sie imstande sei, Wirklichkeit zu beschreiben. In späteren Epochen wird dieser Zweifel als Bruch zwischen Sprache, Subjekt und Wirklichkeit bemerkt. Doch erst in den Jahren um 1900 erfährt die Sprachskepsis eine Radikalisierung: mit Konsequenzen auf die literarische Produktivität einer jüngeren Autorengeneration.

Davon handelt auch die Dreierserie „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“. Den Beginn macht ein Essay der Literaturwissenschaftlerin Dagmar Lorenz zum Thema „Sprechen und Sprechkrisen“. Im zweiten Teil folgt am 23.09.2012 ein Gespräch mit dem französischen Kulturhistoriker Jacques le Rider über den Provokateur und Sprachkritiker Fritz Mauthner (1849-1923), und Dagmar Lorenz wendet sich abschließend dem Sprechen und Schreiben in unserer Gegenwart zu – angefangen vom „Jargon der Eigentlichkeit“ bis zum Gender-Slang.

Im ersten Teil der Serie „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ widmet sich Dagmar Lorenz in ihrem Essay den „Sprach- und Sprechkrisen in der klassischen Moderne“:

„Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.“

So beginnt ein Gedicht von Rainer Maria Rilke aus dem Jahre 1897. Beschworen wird hier die Angst vor dem definitorischen Gebrauch der Wörter – eine paradoxe Angst, wie es auf den ersten Blick scheint, denn, so könnte man fragen: Besteht nicht gerade die Funktion von Sprache darin, Dinge und Sachverhalte zu bezeichnen und sie so erst begreifbar zu machen? Hier, bei Rilke, bewirkt das exzessive „Sich verständlich machen“ offenbar eher das Gegenteil: Das Verstehen wandelt sich ins Verfehlen:

„Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.“

Von der Angst, über die Anklage, bis hin zum Appell: Am Schluss des Gedichtes ist es die Welt der Dinge, die gegen die Ansprüche des Benennens und Aussprechens bewahrt werden soll:

„Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: Sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.“

Dass die undefinierte, unbenannte Dingwelt als „lebendig“ erscheint, ihre sprachliche Benennung sie hingegen „starr und stumm“ mache, also gleichsam töte, ist ein Gedanke, der insbesondere in der Literatur der Jahre um 1900 in mehrfachen Varianten auftaucht: als Symptom und Ausdruck eines Sprachbewusstseins, das sich als krisenhaft begreift.

Lässt man die Jahrzehnte zwischen 1880 und etwa 1920 Revue passieren, so fällt auf, dass in dieser Zeitspanne auf ganz unterschiedlichen Schauplätzen eine überaus intensive, ja nahezu obsessive Auseinandersetzung mit „Sprache als Problem“ stattfindet: angefangen von der Wirkung, welche die Schriften Friedrich Nietzsches auf eine nachfolgende Generation ausübten, über die Sprachkritik eines Fritz Mauthner bis hin zu Ludwig Wittgenstein und den Anfängen des Wiener Neopositivismus.

Parallel dazu finden sich die Sprachpolemiken eines Karl Kraus und Sigmund Freuds berühmter Aufsatz über den Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. Im Wiener Parlament ebenso wie in den Regionen der vielsprachigen Habsburgermonarchie toben sogenannte „Sprachenkämpfe“. Die Literatur jener Jahre bringt neue Sprechweisen hervor: Arthur Schnitzler kreiert den deutschsprachigen „inneren Monolog“, und während Hugo von Hofmannsthal in seinem Opernlibretto „Elektra“ die Ästhetik des Verstummens probt, wird in Jung Berliner Literatenkreisen das lyrische Sprechen zum expressionistischen Schrei.

Warum also kommt es ausgerechnet in den Jahren um 1900 zu einer solchen Ballung von Sprach- und Sprechdiskursen auf ganz unterschiedlichen Ebenen? Ein Rückblick in die Vorgeschichte der abendländischen Sprachreflexion zeigt, wie sehr sich der Blick auf die Sprache im Verlaufe des neuzeitlichen Denkens gewandelt hat – und welche Problemlage sich in den Jahren um 1900 daraus ergibt.

Reflexion über die menschliche Sprache findet von alters her statt. Schon an deren Anfang war bekanntlich, wie es in der Bibel heißt, das Wort – und mit ihm der Gedanke vom göttlichen Ursprung der Sprache. Aristoteles betrachtete den Menschen als „zoon logon echon“: als ein „Lebewesen, das Sprache hat“ und aufgrund dieser Eigenschaft erst in der Lage sei, ein soziales Gemeinwesen zu schaffen.

Und spätestens seit Platon wird das Verhältnis zwischen Sprache und außersprachlicher Wirklichkeit diskutiert. Entspringen die Wörter dem Wesen der Dinge? Stehen die sprachlichen Bezeichnungen in einer gleichsam natürlichen Beziehung zu den bezeichneten Dingen? Oder sind die Wörter bloß das Resultat einer sozialen Konvention, einer Verabredung unter den Menschen? Und wie steht es mit dem Verhältnis zwischen der Sprache und dem Denken? Gibt es ein vorsprachliches Erkennen, dem die Sprache dann nachträglich zugeordnet wird? Und ist Sprache in der Lage, sämtliche Dinge dieser Welt angemessen abzubilden?

Die Forderung, dass sie es zumindest sein sollte, beeinflusste noch die neuzeitliche Philosophie. So beispielsweise galt es für Denker wie Francis Bacon, John Locke oder Gottfried Wilhelm Leibniz als ausgemacht, dass Sprache dafür da sei, Wirklichkeit abzubilden. Dass dieses Ideal jedoch schon an der konstitutiven Unzulänglichkeit der Sprache selbst scheitern muss, erkannte im 18. Jahrhundert schon ein Aufklärer wie Georg Christoph Lichtenberg, als er formulierte:

„Es ist ein ganz unvermeidlicher Fehler aller Sprachen, dass sie nur Genera von Begriffen ausdrücken und selten das hinlänglich sagen, was sie sagen wollen.“

Lichtenberg erkannte: Die Differenz zwischen den sprachlichen Zeichen und dem, was bezeichnet werden soll, ist unaufhebbar. Ebenso unmöglich ist es, etwa Empfindungen bruchlos auszudrücken, oder das Denken unmittelbar zur Sprache zu bringen.

Dies alles scheitert schon daran, dass es immer einen Spielraum zwischen dem Gedanken und seinem Ausdruck gibt, der die Wirkung des Ausgesprochenen unkontrollierbar erscheinen lässt. Doch diese Erfahrung des doppelten Bruchs zwischen Sprache, Bewusstsein und Wirklichkeit führt bei den Aufklärern des 18. Jahrhunderts nicht etwa zu einer prinzipiellen Sprachskepsis, sondern entweder zu einer Haltung der Selbstbeschränkung, wie etwa bei Gotthold Ephraim Lessing:

„Die Sprache kann alles ausdrücken, was wir deutlich denken; dass sie aber alle Nuancen der Empfindungen soll ausdrücken können, das ist ebenso unmöglich, als es unnötig sein würde.“

… oder allenfalls zu einer aufklärerisch motivierten Kulturkritik, die sprachliche Irrtümer zu vermeiden sucht oder sich an der Wirklichkeit selbst abarbeitet.

Ein grundlegender Wandel des Sprachverständnisses vollzieht sich in der Sprachphilosophie der Romantik, insbesondere bei Wilhelm von Humboldt, der im Anschluss an Herder und Hamann eine Theorie der sprachlichen Weltanschauung formuliert – was bedeutet: Sprache formt, nach Humboldt, die vorgegebene Realität zu einer Weltsicht. Insofern prägt sie das individuelle Vorstellungsvermögen des Menschen. Damit aber wird Sprache nicht mehr als untergeordnetes Werkzeug zum Abbilden von Realität begriffen. Sie wird stattdessen in das Bewusstsein des Menschen selbst verlegt. Der Einzelne ist also an die Sprache und ihre jeweiligen Gesetzmäßigkeiten unwiderruflich gebunden. Humboldt sagt:

„Durch denselben Act, vermöge dessen der Mensch die Sprache aus sich heraus spinnt, spinnt er sich in dieselbe ein, und jede zieht um das Volk, welchem sie angehört, einen Kreis, aus dem es nur insofern herauszugehen möglich ist, als man zugleich in den Kreis einer andren hinüber tritt.“

Es gibt also, nach Humboldt, keine Möglichkeit, die Grenzen des Sprachlichen an sich zu überschreiten. Andererseits ist Sprache nun gleichsam von der Funktion befreit, Realität abbilden zu müssen – was ihr zwar neue, individuelle Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet, ihr aber auch die Grundlage für eine selbstverständliche Rückbindung an die Welt der Dinge entzieht.

Eine weitere Wende in der Sprachreflexion wird im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts durch Friedrich Nietzsche eingeleitet, dessen Einfluss auf die kulturellen Avantgarden der Generationen nach 1870 kaum überschätzt werden kann. So wird in Nietzsches Schrift „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ der romantische Gedanke von der Sprache, die Welt im Bewusstsein des Menschen erst hervorbringt, nochmals radikalisiert. Dass Sprache überhaupt die Verhältnisse zwischen realen Dingen adäquat beschreiben könne, verneint Nietzsche:

„Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen, wenn wir von Bäumen, Farben, Schnee und Blumen reden, und besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen.“

Fassen wir zusammen: Für Friedrich Nietzsche sind Verstand und Sprache nicht etwa Mittel zur Abbildung von Wirklichkeit oder zur Erhellung von Sachverhalten oder gar zur Suche nach Wahrheit. Ganz im Gegenteil! Sprache hat vor allem eine soziale Funktion. Sie dient dem Menschen als Mittel der Verstellung, der Täuschung und Illusionsbildung. Er bedient sich ihrer, um seine eigennützigen Bedürfnisse zu maskieren und sich das Wohlwollen der Gesellschaft zu sichern.

Auch hinter Aussagen wie „wahr“ oder „falsch“ verbirgt sich eine Übereinkunft zwischen den Menschen über die verbindliche Verwendung von Zeichen. „Wahres“ Sprechen meint also ausschließlich die Übereinstimmung mit den Konventionen des Sprachgebrauchs – und muss – da Sprache und Wirklichkeit völlig unterschiedlichen Sphären angehören – notwendigerweise in Lüge umschlagen: ja, die Annahme, es gäbe Wahrheit, bringt die Lüge erst hervor.

Nietzsches Schlussfolgerung daraus: Nicht der Trieb zur Wahrheit, sondern der „Trieb zur Metaphernbildung“ reguliert die Verwendung von Sprache. Erst indem sich der Mensch als „Sprachbildner“ betätigt, sich also eines ästhetischen Verfahrens bedient, werden Subjekt und Objekt überhaupt sinnvoll aufeinander beziehbar. Wie Sprache konkret funktioniert, beschreibt Nietzsche wie folgt:

„Ein Nervenreiz, zuerst übertragen in ein Bild! Erste Metapher. Das Bild wieder nachgeformt in einem Laut! Zweite Metapher. Und jedes Mal vollständiges Überspringen der Sphäre, mitten hinein in eine ganz andre und neue.“

Dass Bild und Laut eigenständige Funktionen übernehmen und Sprache nicht primär als bedeutungstragendes Medium aufzufassen sei, sind Gedanken, die auf die späteren Lautmalereien des Expressionismus und Dadaismus verweisen.

Verschärft wird dieses Krisenbewusstsein auch durch die Entwicklungsschübe in den Naturwissenschaften im Verlaufe des 19. Jahrhunderts. Mit zunehmender Verwissenschaftlichung und der Ausdifferenzierung in Natur- und Geisteswissenschaften ergaben sich neue Anforderungen an die Sprache als Beschreibungswerkzeug – was das Problem aufwarf, dass die natürliche Sprache als zunehmend untauglich für die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnis begriffen wurde.

Wie sehr diese Skepsis gegenüber der Vermittlungsfunktion von Sprache zugleich eine Krise des Sprechenden darstellt, formuliert in den Jahren um die Jahrhundertwende der experimentelle Physiker Ernst Mach, der mit Richard Avenarius als ein Vertreter des sogenannten Empiriokritizismus gilt. Machs Bedeutung insbesondere für die Literaturavantgarde der Wiener Moderne ist beachtlich. Allein sein seit 1886 in immer neuen Auflagen herausgegebenes Werk „Die Analyse der Empfindungen“ erwies sich als ein Erfolgsbuch, von dem der einflussreiche Wiener Publizist Hermann Bahr 1903 behauptete, dass es

„die Lebensstimmung der neuen Generation auf das Größte ausspricht.“

Die „Lebensstimmung“, die Ernst Mach und seinem Denken zugeschrieben wurde, faszinierte ganz unterschiedliche Autoren: Unter ihnen finden wir den Sprachkritiker Fritz Mauthner, aber auch Robert Musil, Hugo von Hofmannsthal oder Richard Beer Hofmann. Sie alle zeigten sich beeindruckt von den Konsequenzen, welche die von Ernst Mach entworfene Psychologie der Sinneswahrnehmung zeitigte. Was ist damit gemeint?

Ernst Mach zufolge existiert kein grundsätzlicher Gegensatz zwischen der äußeren Welt der Dinge und uns, die wir subjektiv diese Welt wahrnehmen. Jede Art von Wirklichkeit, so Mach, löst sich vielmehr auf in subjektiv wahrgenommene Sinnesgegebenheiten oder anders formuliert: Sowohl die innere, psychische Welt des Menschen als auch die äußere Welt bestehen aus gleichartigen Elementen der Empfindung und Wahrnehmung. Es sind die unterschiedlichen, mehr oder weniger flüchtigen Sinneseindrücke, die wir von außen empfangen und die unsere jeweilige Weltwahrnehmung bestimmen. Welt und Wirklichkeit erscheinen uns also als Resultate einer impressionistischen Wahrnehmung unserer Sinne: Eine Auffassung, die an den Impressionismus in der Malerei denken lässt, aber auch an die poetischen Großstadtimpressionen etwa eines Charles Baudelaire.

Da in der Perspektive Ernst Machs sich auf diese Weise alle Arten von Wirklichkeit und Erkenntnis relativieren, kann es natürlich auch keine objektive Wahrheit geben. Auch Sprache kann nie eindeutig sein. Denn Wörter erhalten ihre Bedeutungen dadurch, dass sie subjektive Empfindungen hervorrufen – und zwar sowohl im Sprechenden als auch im Angesprochenen. Und da diese Empfindungen schon bei zwei Menschen nie hundertprozentig übereinstimmen, umgrenzen Wörter allenfalls einen Bedeutungsraum.

Auch das sprechende Individuum selbst ist keine eindeutige, von der Außenwelt abgegrenzte Einheit. Das „Ich“ eines individuellen Menschen besteht nämlich ebenfalls aus einem Komplex von Erinnerungen, Stimmungen und Gefühlen, die sich im Verlaufe der Jahre – je nach Situation, Lebenslage und Zufall ständig verändern oder neu kombinieren.

„Größere Verschiedenheiten im Ich verschiedener Menschen, als im Laufe der Jahre in einem Menschen eintreten, kann es kaum geben. Wenn ich mich heute meiner frühen Jugend erinnere, so müsste ich den Knaben (einzelne wenige Punkte abgerechnet) für einen anderen halten, wenn nicht die Kette der Erinnerungen vorläge.“

Insofern sei es eigentlich unsinnig, so Mach, überhaupt noch von einem „Ich“ zu sprechen, denn es existiert einfach nicht. Fazit also:

„Das ‚Ich‘ ist unrettbar!“

Im Hinblick auf die Sprache aber stellt sich dann die Frage:

„Wer eigentlich spricht wirklich, wenn ein ‚Ich‘ ‚Ich‘ sagt?“

Man könnte die bekannten Schlüsseltexte der literarischen Moderne um 1900 getrost als mögliche Antworten auf diese eine Frage lesen – wobei die jeweilige Antwort zu einem guten Teil aus der innovativen Formensprache herauszulesen ist, deren sich etwa Autoren wie Hugo von Hofmannsthal, Richard Beer-Hofmann oder Rainer Maria Rilke – letzterer in seinem Tagebuchroman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ bedienen.

Ein anderes berühmtes Beispiel hierfür bietet einer der ersten literarischen Texte, die konsequent in der Form eines „inneren Monologs“ verfasst sind: Arthur Schnitzlers Novelle „Leutnant Gustl“. Der Text protokolliert den sich ununterbrochen abspulenden Gedankenstrom aus der Innenperspektive einer fiktiven Figur. Es sind die Gedanken eines Leutnants der österreichisch-ungarischen k.u.k.-Monarchie, eben jenes Leutnant Gustl, die ihm innerhalb eines begrenzten Zeitraums – nämlich exakt zwischen 21:45 bis 06:00 Uhr am Morgen des darauffolgenden Tages – in den Sinn kommen.

„Wie lang‘ wird denn das noch dauern? Ich muss auf die Uhr schauen… schickt sich wahrscheinlich nicht in einem so ernsten Konzert. Aber wer sieht’s denn? Wenn’s einer sieht, so passt er gerade so wenig auf, wie ich, und vor dem brauch‘ ich mich nicht zu genieren… Erst viertel auf zehn?… Mir kommt vor, ich sitz‘ schon drei Stunden in dem Konzert. Ich bin’s halt nicht gewohnt…“

Nur wenige Absätze weiter wird ein banaler Zwischenfall in der Menschenmenge vor der Konzertsaal-Garderobe eine Kaskade unterschiedlichster Gefühle, Assoziationen und Handlungsimpulsen im Kopf unseres Leutnants auslösen. Gustl wird in der anonymen Masse von einem ihm flüchtig bekannten Bäckermeister angerempelt und fühlt sich als Leutnant in seiner Ehre gekränkt. Da es der niedrige soziale Rang des Bäckers dem Leutnant verbietet, seinen Beleidiger zum Duell zu fordern, glaubt Gustl, seine Ehre nur noch durch seinen Selbstmord wiederherstellen zu können – zumal er davon ausgeht, dass der Bäcker den Vorfall herumerzählen wird.

Den Rest der Nacht verbringt Gustl in der inneren Überzeugung, ein Todeskandidat zu sein – bis er am darauffolgenden Morgen durch Zufall erfährt, dass der Bäcker noch in derselben Nacht an einem Schlaganfall verstorben ist. Das ändert die Lage für Gustl schlagartig: Denn nun ist es ausgeschlossen, dass der scheinbar ehrverletzende Vorfall allgemein bekannt wird. Gustl stellt erleichtert fest, dass er am Leben bleiben darf: Doch das Gefühl der Erleichterung bewirkt keineswegs die Einsicht in die Absurdität des militärischen Ehrenkodexes. Stattdessen fiebert der Leutnant einem für denselben Tag angesetzten Duell entgegen.

Was diesen Text zu einem Dokument der modernen Sprachkrise macht, ist die paradoxale Verfasstheit der hier präsentierten inneren Rede: Als Leser bleibt uns nahezu kein Gedanke, keine Gefühlsregung des fiktiven Leutnants verborgen: Das ganze Psychodrama eines von Minderwertigkeitskomplexen, kompensatorischer Aggressivität, hasserfülltem Antisemitismus und Standesdünkel geprägten Subalternen wird aufgerollt, die ganze seelische Misere eines auch materiell armen Teufels, der seine jämmerliche Lage hinter einer äußeren Renommier-Fassade eines k.u.k.-Offiziers verbirgt.

Wir erfahren alles über den Leutnant, indem wir seinem assoziativ gelenkten Bewusstseinsstrom folgen: – ein Verfahren, das übrigens an die psychoanalytische Erzählmethodik des Schnitzler-Zeitgenossen Sigmund Freud erinnert. – Und doch erfahren wir so gut wie nichts über Gustl selbst.

„Ein Gemeiner von der Verpflegsbranche ist ja jetzt mehr als ich: ich bin ja überhaupt nicht mehr auf der Welt… es ist ja aus mit mir… Ehre verloren, alles verloren!… Ich hab‘ ja nichts anderes zu tun, als meinen Revolver zu laden und… Gustl, Gustl, mir scheint, du glaubst noch immer nicht recht d’ran? Komm‘ nur zur Besinnung… es gibt nichts anderes… wenn du auch dein Gehirn zermarterst, es gibt nichts anderes! – Jetzt heißt’s nur mehr, im letzten Moment sich anständig benehmen, ein Mann sein, ein Offizier sein, sodass der Oberst sagt: Er ist ein braver Kerl gewesen, wir werden ihm ein treues Angedenken bewahren! … „

Je subjektiver, persönlicher und einzigartiger Gustels Erzählung anmutet, desto mehr fällt auf, dass das Gespräch, das Gustl mit sich selbst führt, fast ausschließlich aus stereotypen Redewendungen, standestypischen Werturteilen und Alltagsweisheiten besteht. Nicht ein unverwechselbares „Ich“-Individuum offenbart sich hier, sondern ein mehr schlecht als recht aus Versatzstücken eines längst überlebten militärischen Ehrenkodexes zusammengezimmertes Rollen-Ich eines beliebigen Leutnants.

Dem Leser präsentiert sich eine entindividualisierte Rede, in der das „Ich“ der Figur Gustl vor allem als Sprachrohr von zeittypischen Allgemeinplätzen erscheint: als Leerstelle sozusagen, die stellvertretend für eine Art – Freud würde sagen – „Über Ich-Instanz“ steht. Und tatsächlich: Das französische Lexem „Lieutenant“, das Arthur Schnitzler einst im Originaltitel seines Textes verwendete, heißt wörtlich übersetzt nichts anderes als „Stellvertreter“.

Am Beispiel dieses „Lieutenants Gustl“ wird deutlich, dass am vorläufigen Ende der sprachkritischen Betrachtungen im 18. und 19. Jahrhundert ein Subjekt steht, das seiner sprachlichen Autonomie beraubt ist. Statt eines autonomen Individuums, das Sprache sozusagen von außen kritisch betrachten kann, erfährt sich nun ein prekäres „Ich“ als gleichsam untrennbar eingesponnen in Sprachlichkeit. Zugleich ist dieses „Ich“ scheinbar ausweglos einer vergesellschafteten Sprache unterworfen.

Die spezifischen Ausprägungen dieser vergesellschafteten Sprache um 1900 sind vor allem auf zwei zeittypische Tendenzen zurückzuführen: zum einen auf den Bedeutungszuwachs von Sprache überhaupt, zum anderen auf den Boom der modernen Massenpresse.

Dass die Versprachlichung von Welterfahrung ins Zentrum der europäischen Kultur um 1900 rückt, belegt nicht nur die literarische Moderne dieser Jahre. In den Jahren 1901 und 1902 erscheint die Erstausgabe der „Beiträge zu einer Kritik der Sprache“ in drei Bänden von Fritz Mauthner. In Anlehnung an Ernst Mach und Nietzsche wettert Mauthner darin gegen den von ihm als „Wortaberglauben“ geschmähten Geist seiner Epoche. Und ein junger Kritiker, Hermann Häfker, bestätigt indirekt die Diagnose Mauthners in der Rezension von dessen Werk wie folgt:

„In der That gewinnt die Sprache, das Wort, im heutigen praktischen Leben eine Bedeutung, wie sie eine solche wohl noch nie in der Weltgeschichte gehabt hat. […] Sie beginnt allmählich die wahre Rolle eines Mittlers zwischen allen menschlichen Werten anzunehmen.“

Eine notwendige Folge, so erscheint es jedenfalls im Rückblick, von Modernisierungsprozessen. So werden beispielsweise in den sich industrialisierenden Gesellschaften Europas zunehmend konkrete, personale Beziehungsnetze durch abstrakte sprachliche Kommunikation ersetzt: sei es auf dem Gebiet der Wirtschaft, der Verwaltung, der Technik, der Schulbildung, aber etwa auch der politischen Repräsentation: In einem Zeitalter, das durch das Aufkommen von Massenparteien gekennzeichnet ist, gewinnt der manipulativ geschickte Redner an Gewicht. Nicht umsonst vermerkt der Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem „Buch der Freunde“:

„Politik ist Magie. Wer die Mächte aufzurufen weiß, dem gehorchen sie.“

Und solch ein Aufruf ist noch umso wirkungsvoller, wenn er in der Zeitung abgedruckt ist. Das neue Massenmedium und seine Machart erfordert auch eine neue Sprache: eingängige Formulierungen, schmückende Vergleiche, bildkräftige Beschreibungen, grelle Reklameslogans – und dies alles in kurzer Zeit von professionellen Journalisten niedergeschrieben und auf die erforderliche Anzahl und Länge der Zeilen gestutzt.

Der schnelle Erscheinungstakt des neuen Mediums – in manch europäischer Hauptstadt erschienen manche Zeitungen zweimal am Tag – erforderte veränderte Schreibgewohnheiten. Schriftsteller, die ihre Texte einst ausschließlich im Medium „Buch“ veröffentlichten, ergriffen die Gelegenheit, ihr Gehalt durch das Verfassen von Zeitungsfeuilletons aufzubessern. Der Zeitungsroman in Fortsetzungen etablierte sich als ökonomisch lukrative Textform. Und so ist es auch kein Zufall, dass selbst Arthur Schnitzlers „Lieutenant Gustl“ im Jahre 1900 zunächst nicht als Buch, sondern in der Wiener Neuen Freien Presse erschien.

Von den Zeitgenossen erbittert diskutiert wurden freilich auch die Konsequenzen, die der Wandel von der literarisierten Büchersprache zum kommerzialisierten journalistischen Schreiben erzeugte. Das kommerzialisierte Schreiben und Reden unter Zeitdruck bringt die Sprache als stereotype Wendung und Phrase hervor – in deren Gestrüpp, so empfanden es wenigstens zahlreiche Kritiker, die wirklichen Sachen und Sachverhalte – so sie überhaupt existent sein sollten – zum Verschwinden gebracht werden. So klagt der radikale Pressekritiker Karl Kraus:

„Ich habe die Überzeugung, dass die Ereignisse sich gar nicht mehr ereignen, sondern dass die Klischees selbsttätig fortarbeiten. Oder wenn die Ereignisse, ohne durch die Klischees abgeschreckt zu sein, sich doch ereignen sollten, so werden die Ereignisse aufhören, wenn die Klischees zertrümmert sein werden. Die Sache ist von der Sprache angefault.“

Die Sprache, die alles anfault, was sie berührt, wird zum Thema und Krisensymptom vor allem in den literarischen Texten der deutschsprachigen Moderne um 1900. In Rainer Maria Rilkes Großstadtroman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ ringt der Ich-Erzähler mit der vorgegebenen Sprache, die sich ihm als Mittel der literarischen, aber auch mündlichen Mitteilung zusehends entzieht.

In Hugo von Hofmannsthals berühmtem Chandos-Brief von 1902 hingegen, ist es kein moderner Dichter wie Rilkes Malte, sondern ein fiktiver Adliger des Renaissance-Zeitalters, der in die Bodenlosigkeit einer Sprach- und Daseinskrise stürzt.

In beiden Fällen wird der Krisenhaftigkeit von Sprache und Sprechen mit einer Art von subversiver Strategie begegnet. Rilkes „Malte“-Text endet mit der Legende vom verlorenen Sohn, die, sozusagen gegen den Strich gebürstet, von einer geglückten Verweigerung des kommunikativen Einverständnisses erzählt. Über den in den Schoß seiner Familie zurückgekehrten Sohn heißt es dort:

„Es muss für ihn unbeschreiblich befreiend gewesen sein, dass ihn alle missverstanden, trotz der verzweifelten Eindeutigkeit seiner Haltung. Wahrscheinlich konnte er bleiben. Denn er erkannte von Tag zu Tag mehr, dass die Liebe ihn nicht betraf, auf die sie so eitel waren und zu der sie einander heimlich ermunterten. Fast musste er lächeln, wenn sie sich anstrengten, und es wurde klar, wie wenig sie ihn meinen konnten.“

Hofmannsthals Lord Chandos hingegen erfährt zuweilen Augenblicke einer Art von Offenbarung, die ihm zumindest punktuell einen Zugang zu den Dingen der unverstellten Wirklichkeit ermöglichen.

„Es ist mir dann, als bestünde mein Körper aus lauter Chiffern, die mir alles aufschließen. Oder als könnten wir in ein neues ahnungsvolles Verhältnis zum ganzen Dasein treten, wenn wir anfingen, mit dem Herzen zu denken. Fällt aber diese sonderbare Bezauberung von mir ab, so weiß ich nichts darüber auszusagen.“

Das angemessene Ausdrucksmedium für diese Art von Erfahrung ist nicht im Bereich des Sprachlichen zu finden. Der Zugang zum „Leben“, wie Hofmannsthal und seine Zeitgenossen es auszudrücken pflegten, verweist vielmehr auf das Problem einer Metasprache, das einige Jahre später von Ludwig Wittgenstein in seinem „Tractatus logico-philosophicus“ aufgegriffen werden sollte: Demnach kann Sprache allenfalls zum Gemeinten heranführen. Das Gemeinte selbst aber ist nicht durch Sprache vermittelbar. Wittgenstein schreibt:

„Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist.“

Das Bewusstsein für das Prekäre des vergesellschafteten Sprachgebrauchs und die Suche nach einem Jenseits der Sprache förderte vermutlich auch das um die Jahrhundertwende zu beobachtende Interesse etwa Hofmannsthals an außersprachlichen Ausdrucksformen wie Ballett oder Pantomime. Nicht zufällig finden sich auch in den gemeinsam mit Richard Strauß realisierten Opernprojekten immer wieder Gesten des sprachlichen Verstummens.

Freilich: Manchmal schützt auch die allzu nachdrücklich betriebene Geste des Verstummens nicht vor Geschwätzigkeit: Das zeigen die vielen populären Rilke Nachahmer, Ursprungs- und Innerlichkeitsjünger bis in unsere Tage hinein. Es schadet daher nicht, sich letztlich an Ludwig Wittgenstein zu halten und an seinen berühmten Satz:

„Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“

„Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ (2/3)

Der französische Kulturwissenschaftler Jaques Le Rider

Jaques Le Rider im Gespräch mit Dagmar Lorenz

Bereits in der Antike taucht die Frage auf, ob Sprache wirklich zur Verständigung taugt. In späteren Epochen wird dieser Zweifel als Bruch zwischen Sprache, Subjekt und Wirklichkeit registriert. Doch erst um 1900 erfährt die aufkommende Sprachskepsis eine Radikalisierung.

Von dieser Radikalisierung handelt auch unsere Dreierserie „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“. Im zweiten Teil bringen wir dazu ein Gespräch mit dem französischen Kulturwissenschaftler Jacques Le Rider. Die Fragen stellt Dagmar Lorenz.

„Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ (3/3)

Vom Jargon der Eigentlichkeit zum Gender Slang

Von Dagmar Lorenz

Die Angst vor der drohenden Verdrängung des Deutschen qua Fremdwort begleitet den Gebrauch der deutschen Sprache schon einige Jahrhunderte. Doch nicht nur Anglizismen rufen mit schöner Regelmäßigkeit engagierte Sprachkritiker auf den Plan.

Im dritten Teil unserer Dreierserie „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ widmet sich Literaturwissenschaftlerin Dagmar Lorenz in ihrem Essay dem Thema

„Vom Jargon der Eigentlichkeit zum Gender Slang“

„Angry Birds für Bastler:
Ein Selbstbau-Gamecontroller soll die Haptik des Kultspiels „Angry Birds“ verbessern, eine Webcam das Wohnzimmer zur Skype-Telefonzelle aufrüsten und ein Mini-PC dumme Fernseher schlau machen: die Gadgets der Woche.“

Dies ist die Ankündigung zu einem Artikel über neue Computeranwendungen, gefunden in der Internetausgabe des Nachrichtenmagazins „Spiegel“: ein Text, der – so unschuldig er auch auf den ersten Blick daherkommt – sich in den Augen unserer deutschen Sprachhegerinnen und -heger gleich mehrfach versündigt haben dürfte.

Erstes Vergehen: die Überschrift, im Journalistenjargon auch „Headline“ genannt: Wäre der „Spiegel“ das Mitteilungsblatt einer x-beliebigen deutschen Stadtverwaltung und seine Redaktion das örtliche Presseamt, so hätte ein Satz wie: „Angry Birds für Bastler“ nie und nimmer die Zensur, pardon, die geschlechtersensible Sichtung der örtlichen Gleichstellungsbeauftragten passiert.

Aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit müsse es, so argumentierte dann unsere fiktive Gleichstellungsbeauftragte, zwingend heißen: „Angry Birds für Bastlerinnen und Bastler“ , oder „Angry Birds für Bastler Schrägstrich „innen““ oder – vermutlich eher in Universitätsstädten – „Angry Birds für „BastlerInnen“ mit groß geschriebenem Binnen-„I“. Denkbar wäre auch – das schlägt beispielsweise das vom Familienministerium einst finanzierte GenderKompetenzZentrum Berlin vor: „Angry Birds für Bastelnde“.

Zweites Vergehen: die leidigen Anglizismen. Viel gescholten etwa durch den Nestor der populären Sprachkritik, Wolf Schneider, der bereits Generationen von Absolventen deutscher Journalistenschulen mit Kursen und Buchtiteln à la „Deutsch für Profis“, respektive „Wege zu gutem Stil“, wie es im Untertitel heißt, in den rauen Medienalltag entlassen hat. Ob die „Gadgets der Woche“ Gnade vor seinen gestrengen Augen finden würden? Eher nicht.

Drittes Vergehen: Wie war das? „Ein Selbstbau-Gamecontroller soll die Haptik des Kultspiels ‚Angry Birds‘ verbessern, eine Webcam das Wohnzimmer zur Skype-Telefonzelle aufrüsten“. Die Vorstellung, dass eine Webkamera selbsttätig das eigene Wohnzimmer aufrüsten könnte – wenn auch vielleicht eher „umrüsten“ gemeint ist und das Ergebnis eine Telefonzelle zu friedlichem Gebrauch sein soll, mutet dann doch leicht gruselig an.

Ein Sprach-Unterhalter und Glossenschreiber wie Bastian Sick würde sich eine solche „Steilvorlage“, wie es heutzutage in Politik und Medien heißt, kaum entgehen lassen. Denn – ähnlich wie Wolf Schneider – verspricht auch Bastian Sick seinem Publikum vor allem einen Leitfaden zu vermeintlich richtigem Sprachgebrauch. Wenn auch sein Buch mit dem schönen Titel „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ zum spontanen Durchstöbern des Sprachdickichts ermuntert – am Ende der Exkursion stehen dann doch wieder Hinweisschilder. Im Vorwort heißt es dazu:

„Zunächst einmal ist es kein Lehrbuch, allenfalls ein lehrreiches Buch. Sie können es von vorn nach hinten lesen oder von hinten nach vorn oder einfach irgendwo mittendrin anfangen. Die Orientierung verlieren dabei können Sie nicht, denn überall sind Hinweisschilder aufgestellt, die Ihnen helfen, sich im Irrgarten der deutschen Sprache zurechtzufinden.“

Den Irrgarten der deutschen Sprache beackern darüber hinaus seit vielen Jahren diverse Sprachvereine, wie etwa die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ oder der „Verein deutsche Sprache“. Letzterer hat einen sogenannten Anglizismen-Index herausgegeben, über den es sicherheitshalber auf der Vereinswebpage heißt:

„Der Anglizismen-Index ist weder puristisch noch fremdwortfeindlich.“

Dennoch muss man sich offenbar Sorgen machen, denn:

„Der Index ordnet die 7.400 aufgeführten Anglizismen zu 3 Prozent als den deutschen Wortschatz ergänzend ein; 18 Prozent differenzieren ihn zumindest, während 79 Prozent der Anglizismen des Index existierende, voll funktionsfähige und verständliche Wörter aus der deutschen Sprache zu verdrängen drohen.“

Die Angst vor der drohenden Verdrängung des Deutschen qua Fremdwort begleitet den Gebrauch der deutschen Sprache schon einige Jahrhunderte lang: Waren es in früheren Epochen vor allem Fremdwörter aus dem Französischen, so sind es schon seit einigen Jahrzehnten vor allem gewisse Anglizismen, welche mit schöner Regelmäßigkeit engagierte Sprachkritiker auf den Plan rufen. Letztere sorgen sich darüber hinaus auch immer wieder um Stilblüten, die falsche Verwendung von Dativ- und Genitiv-Formen, die sträfliche Vernachlässigung von Konjunktiven.

„Laienlinguistische Sprachkritik“ nennt solches Tun die akademische Sprachwissenschaft, die sich selbst wohlweislich jeder Werturteile enthält. Sie verweist auf den antiquierten Sprachbegriff, der solchen sprachlichen Reinheitsbestrebungen zugrunde liegt. Während sich in der Linguistik nämlich spätestens mit Ferdinand de Saussure zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Auffassung von Sprache durchsetzte, die, statt auf naturgegebenen Gesetzmäßigkeiten, auf einem per Konvention oder Vereinbarung geregelten System von Zeichen beruht, hielt die populäre Sprachkritik an einem Begriff von Sprache als einem Organismus fest, der „erkranken“ und „verfallen“ kann und deshalb „geschützt“, „bewahrt“ und „gepflegt“ werden muss.

Zuweilen allerdings kann es auch vorkommen, dass Sprachkritik sich gerade gegen die behauptete Naturwüchsigkeit eines bestimmten Sprachgebrauchs richtet. Allerdings: Auch in diesen Fällen handelt es sich nicht um Linguistik. Vielmehr fungiert hier Sprache als Symptom politischer, moralischer – oder auch ideologischer Positionen. Der öffentliche Sprachgebrauch und die Debatten darüber spiegeln ein Stück deutsche Gegenwartsgeschichte wider – was die folgenden Beispiele ohne Anspruch auf Vollständigkeit illustrieren:

Beispiel eins: Die Falschmünzer oder Adornos Jargonkritik:
Im Jahre 1964 – die Studentengeneration von 1968 saß noch weitgehend geschlossen im Hörsaal – veröffentlichte Theodor W. Adorno im Frankfurter Suhrkamp-Verlag einen schmalen Band mit dem Titel „Jargon der Eigentlichkeit.“ Darin wandte er sich gegen bestimmte Sprechusancen im damaligen westdeutschen Kultur- und Gesellschaftsleben. Adorno schreibt:

Theodor W. Adorno (Archivbild aus dem Jahr 1968) wandte sich gegen bestimmte Sprechusancen im damaligen westdeutschen Kultur- und Gesellschaftsleben.  (Bild: AP Archiv)
Theodor W. Adorno (Archivbild aus dem Jahr 1968) wandte sich gegen bestimmte Sprechusancen im damaligen westdeutschen Kultur- und Gesellschaftsleben. (Bild: AP Archiv)

„In Deutschland wird ein Jargon der Eigentlichkeit gesprochen, mehr noch geschrieben, [ … ]. Er erstreckt sich von der Philosophie und Theologie nicht bloß Evangelischer Akademien über die Pädagogik, über Volkshochschulen und Jugendbünde bis zur gehobenen Redeweise von Deputierten aus Wirtschaft und Verwaltung.“

Gemeint sind die Sprachattitüden eines vermeintlichen Tiefsinns, die vor allem in den 1950er und 1960er-Jahren Konjunktur hatten. In den von Adorno beschriebenen Kreisen gab man sich gerne modernekritisch und dekorierte seine Sehnsüchte nach dem Überschaubaren, Naturhaften und Ursprünglichen mit solch hochtrabenden Floskeln wie dem “ Wesen der Dinge“ oder dem „Eigentlichen“ im Gegensatz zum „Uneigentlichen“. Abgeschaut ist diese Begrifflichkeit bei Martin Heidegger, der – so spöttelt Adorno – den Vorwurf des Provinzialismus dadurch entkräfte, dass er ihn positiv wende. Als amüsantes Beispiel hierfür dient Adorno etwa folgendes Stück Heidegger-Prosa:

„Wenn in tiefer Winternacht ein wilder Schneesturm mit seinen Stößen um die Hütte rast und alles verhängt und verhüllt, dann ist die hohe Zeit der Philosophie. Ihr Fragen muss dann einfach und wesentlich werden.“

Dazu Adorno:

„Ob Fragen wesentlich sind, darüber lässt allenfalls nach der Antwort sich urteilen, es lässt sich nicht vorwegnehmen und schon gar nicht nach dem Maß einer meteorologischen Ereignissen nachgebildeten Einfachheit.“

Wenn Adorno solche Passagen auf die darin verwendete Begrifflichkeit hin abklopft, geht es ihm nicht darum, eine, wie er schreibt, „bescheidene Anzahl signalhaft einschnappender Wörter“ auf den Index unerlaubten Wortgebrauchs zu setzen. Er beabsichtigt nach eigenem Bekunden vielmehr, der „Sprachfunktion“ dieser Signalwörter „im Jargon nachzugehen“.

Um „Jargon“ handelt es sich, nach Adorno, dann, wenn die konkrete Bedeutung an und für sich banaler Worte überspannt wird, bis letztere schließlich gar nichts Konkretes mehr bedeuten. Insofern bewirkt der Gebrauch des Jargons, dass es schließlich gar nicht mehr auf den Inhalt des Gesagten ankommt, sondern ausschließlich darauf, eine bestimmte Wirkung bei einem Publikum zu erzielen, dessen Zustimmung man sich ohnehin schon sicher sein kann. Argumentation ist da nicht mehr erforderlich, ebenso wenig muss man sich als Zuhörer der Mühe unterziehen, das Gesagte zu verstehen.

Jargonhafte, floskelhafte Sprache tendiert also zur Inhaltsleere. Ihre Worte sind, wie Adorno schreibt, beliebig „austauschbare Spielmarken“. Dennoch suggerieren Spielmarken-Begriffe, wie „Wesen“, „Eigentlichkeit“, „Urgrund“ fälschlicherweise, dass ihnen ein unveränderlicher Gehalt zukomme, der jeder Veränderung, jeder Geschichtlichkeit von Sprache entzogen sei.

Bei all seiner Kritik an der sprachlichen Falschmünzerei war es Adorno jedoch in letzter Konsequenz nicht um Sprach-, sondern um Ideologiekritik zu tun. Wenige Jahre später dann kam zwar der Gebrauch der „Eigentlichkeits-Sprache“ aus der Mode – der Jargon jedoch keineswegs. Der wandelte sich spätestens in den 1970er-Jahren zum ideologiekritischen Jargon der Frankfurter Schule. Und ein gutes Jahrzehnt lang tönte aus Volkshochschulen, Uni-Seminaren, evangelischen Akademien und Feuilletons das „Sich selbst zur Ideologie werden“ des „falschen Bewusstseins“ in ebensolch formelhafter Weise, wie vordem das Eigentliche aus den eingebildeten oder tatsächlichen Blockhütten der Heideggerianer.

Beispiel zwei: Von Unmenschen und Unwörtern:
Hatte es sich Adorno einst mit guten Gründen versagt, dem Jargon mit einem Index verbotener Wörter zu Leibe zu rücken, so sind andere Autoren in dieser Hinsicht weniger zögerlich. Die Kritik an einem Sprachgebrauch, der als scheinhaft, in ethischer Hinsicht defizitär oder als einem bestimmten Konzept von Wirklichkeit nicht angemessen empfunden wird, verführt offenbar zum Aussprechen von Berührungstabus – und zur Aufrichtung gebrauchssprachlicher Normen.

Dass damit zweifellos noble Absichten verbunden sein können, zeigt das bekannte Beispiel eines Buches, das 1957 unter dem Titel „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ erschien. Verfasst hatten es die Publizisten Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind in der aufklärerischen Absicht, dem deutschen Publikum etwas mehr als ein Jahrzehnt nach dem Krieg die Sprache des Nationalsozialismus „fremd zu machen“, wie die Autoren sich ausdrückten.

Zahlreiche Wörter, die Sternberger und seine Mitautoren damals als sprachliche Symptome nationalsozialistischer Unmenschlichkeit auflisteten, darunter zum Beispiel „Zeitgeschehen“, „durchführen“, „Gestaltung“ oder „Kontakte“ – erscheinen uns heutzutage nicht mehr sonderlich suspekt zu sein. Den Autoren von damals war es allerdings nicht primär um isolierte Worte zu tun. Sie leiteten die Bedeutung eines Wortes aus seinem Gebrauch in bestimmten Zusammenhängen ab – wobei, wie sie behaupteten – die Kontextbedeutung im Verlaufe der Zeit in die Wortbedeutung eingehen und sie dominieren könne.

Aber: Sind es wirklich die Wörter, denen moralische Qualitäten zukommen? Oder sind diese moralischen Qualitäten nicht vielmehr als Eigenschaften von Sprechern zu betrachten, die diese Wörter zu bestimmten Zwecken gebrauchen? Dolf Sternberger jedenfalls war von der Existenz einer moralisch als unmenschlich zu wertenden Sprache überzeugt:

„Meine Behauptung, nein: meine Überzeugung ist, dass diese Maßstäbe der Sprache nicht fremd oder äußerlich, sondern ganz und gar angemessen und eingewachsen sind – eben deswegen, weil die Menschlichkeit der Sprache ihr letztes und schärfstes Wesensmerkmal bildet, und weil man sich Geist und Sprache ’nie identisch genug denken kann‘ – im Guten wie im Bösen.“

Solchen sprachkritischen Programmen widersprach schon damals der Sprachwissenschaftler Peter von Polenz, erblickte er in ihnen doch untaugliche Versuche, eine moralisch motivierte Kulturkritik mit Hilfe veralteter sprachwissenschaftlicher Methodik zu begründen: Denn solches Urteilen über „die Sprache“ ignoriert, nach von Polenz, ihre Unterscheidung in „langue“ , dem durch Regeln bestimmten Sprachsystem, und „parole“, der in ihm realisierten Redeweise. Peter von Polenz:

„Sobald aber solche Deutung von Sprache zu einer Verurteilung wird [ … ], müssen sich die Wege von Sprachkritik und Sprachwissenschaft trennen. Sprachkritik hat es dann nur mit Sprache als ‚parole‘ zu tun, ist also Stilkritik gegenüber dem Sprachgebrauch. Erhebt sich dennoch Anspruch auf Sprache als ‚langue‘, ist sie nur eine Methode der Kulturkritik.“

Dergleichen Einwände jedoch bewirkten wenig. Statt sich in mühsamer Kleinarbeit den Strukturen der Sprache und den historischen Ursachen eines bestimmten Sprachgebrauchs zu nähern, schien es verlockender, das gesamte Sprachsystem selbst in den moralischen Wertemaßstab einzubinden. Das jedenfalls suggeriert der Buchtitel „Linguistik der Lüge“ von Harald Weinrich, der seit seinem Erscheinen im Jahre 1966 immer wieder zahlreiche Neuauflagen erlebte. Dort heißt es:

„Es besteht kein Zweifel, dass Wörter, mit denen viel gelogen worden ist, selber verlogen werden. [ … ] Wer sie dennoch gebraucht, ist ein Lügner, oder Opfer einer Lüge. Lügen verderben mehr als den Stil, sie verderben die Sprache.“

Hatten sich Dolf Sternberger und seine Mitautoren in ihrer Sammlung „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ noch die Mühe gemacht, die zu kritisierenden Wörter und Wortzusammensetzungen – wenn auch mit linguistisch unzureichenden Mitteln – in ihren unterschiedlichen historischen Funktionalisierungen zu analysieren, so begnügen sich neuere normative Sprachkritiken mit dem moralisch begründeten Verdikt. Eine sprachkritische Aktion, die alljährlich immer wieder für entsprechende Meldungen in den Medien sorgt, ist etwa die von einer Jury aus Germanisten und journalistischen Gastjuroren vorgenommenen Wahl zum „Unwort des Jahres“.

Zum „Unwort des Jahres“ werden in jedem Jahr bis zu drei Begriffe aus dem aktuellen öffentlichen Sprachgebrauch gewählt und der Öffentlichkeit als abschreckende Negativ-Beispiele präsentiert – und zwar mit dem volkspädagogisch inspirierten Ziel, wie es im Internet heißt,

„das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung zu fördern.“

Chancen, in die nähere Wahl zum „Unwort des Jahres“ zu kommen, haben dabei , so der Informationstext,

„Wörter und Formulierungen, die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen.“

Näher erläutert wird dies anhand von Beispielen. So sind Wörter und Wendungen zu indizieren,

„weil sie gegen das Prinzip der Menschenwürde verstoßen,
weil sie gegen das Prinzip der Demokratie verstoßen,
weil sie einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren,
weil sie euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend sind.“

Dass Wörter immer in komplexe und teilweise höchst unterschiedliche kommunikative, zeitliche und situative Zusammenhänge eingebunden sind, die ihre jeweilige Bedeutung konnotieren, dass diese Bedeutungen zudem häufig nicht eindeutig bestimmbar, geschweige denn bewertbar sind, dass daher die Juroren ihre Kritik am einzelnen Wort geradezu zwangsläufig mit einer oft auf subjektiver Einschätzung fußenden Haltung begründen müssen, die seinem Gebrauch – vermeintlich – zugrunde liege : all dies lässt sich am Beispiel eines der „Unwörter“ des Jahres 2011 besichtigen.

„Gutmensch. Begründung: Mit dem Ausdruck ‚Gutmensch‘ wird
Insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des ‚guten Menschen‘ in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren. Ähnlich wie der meist ebenfalls in diffamierender Absicht gebrauchte Ausdruck ‚Wutbürger‘ widerspricht der abwertend verwendete Ausdruck ‚Gutmensch‘ Grundprinzipien der Demokratie, zu denen die notwendige Orientierung politischen Handelns an ethischen Prinzipien und das Ideal der Aushandlung gemeinsamer gesellschaftlicher Wertorientierungen in gemeinsamer rationaler Diskussion gehören.“

Dass der Gebrauch der Vokabel „Gutmensch“ jener Demokratie widersprechen soll, zu deren Grundprinzipien die Redefreiheit gehört, erstaunt dabei ebenso wie die Tatsache, dass sich hier offenbar ein Gremium von Sprachkritikern anmaßt, darüber zu richten, welche Wörter den Prinzipien der Demokratie zuwiderlaufen und welche nicht. Einmal davon abgesehen zeigt das Beispiel jedoch, wie problematisch solche Verdikte im Namen des Ethischen sind, wenn sie es mit uneigentlichen Wortschöpfungen zu tun haben, die mit der Bedeutungskluft zwischen Gesagtem und Gemeintem spielen.

Der viel belächelte „Gutmensch“ ist dann eben nicht gleichzusetzen mit dem, wie die Sprachjuroren schreiben, „ethischen Ideal des guten Menschen“, sondern vielmehr mit dessen ironisch gezeichnetem Zerrbild. Klaus Bittermann, der dem „Gutmenschen“ schon 1994 ein ganzes Buch widmete, das er – in Anspielung auf das Wörterbuch des Unmenschen – mit Wörterbuch des Gutmenschen betitelte, zeichnet darin das satirische Porträt eines Typus aus einem ehemals politisch links gerichteten Öko-Milieu, in dessen Betroffenheitsjargon sich moralinsaure Selbstgerechtigkeit mit Gesinnungskitsch mischt.

Es spricht übrigens einiges für die historische Verwandtschaft des Gutmenschen mit den zahlreichen uns aus der Literatur des 19. Jahrhundert überlieferten Spießbürgern und gestrengen Tugendwächtern. Und schlägt man gar bei Friedrich Nietzsche und in dessen Schrift Zur Genealogie der Moral nach, so mag man selbst dem „guten Menschen“ nicht immer trauen:

„Alles, was sich heute als ‚guter Mensch‘ fühlt, ist vollkommen unfähig, zu irgend einer Sache anders zu stehn als unehrlich-verlogen, abgründlich-verlogen, aber unschuldig-verlogen, treuherzig-verlogen, blauäugig-verlogen, tugendhaft-verlogen. Diese ‚guten Menschen‘, – sie sind allesamt jetzt in Grund und Boden vermoralisiert und in Hinsicht auf Ehrlichkeit zu Schanden gemacht und verhunzt für alle Ewigkeit: wer von ihnen hielte noch eine Wahrheit ‚über den Menschen‘ aus!.“

Beispiel drei: Genderslang und Sprachdiktat:
Wer heutzutage, im Jahre 2012, von „den Studenten“ oder „den Lehrern“ spricht und damit Lehrer und Studenten beiderlei Geschlechts meint, der setzt sich dem Verdacht aus, eine männlich geprägte Sprache in frauendiskriminierender Absicht zu gebrauchen, oder, schlimmer noch: den Ausschluss von Frauen aus der Sprache zu betreiben. In jedem Falle wird er sich rechtfertigen müssen.

Da hilft es ihm wenig, dass er darauf hinweist, es handele sich bei „den Studenten“ um eine allgemeine Bezeichnung für Menschen, die studieren, und also keineswegs um eine „männliche“ Formulierung , in der die Frauen nur am Rande „mitgemeint“ sind, wie die feministische Sprachkritik immer wieder behauptet. Es hilft ihm ebenso wenig, dass er auf dem Unterschied zwischen Genus – dem grammatischen Geschlecht – und Sexus, dem natürlichen, biologischen Geschlecht, beharrt.

Und dass er demnach argumentiert: Das deutsche Sprachsystem kennte bekanntlich drei Genera, nämlich das Maskulinum, das Femininum und das Neutrum. Insofern sei mit dem simplen Kurzschluss vom grammatischen auf das natürliche Geschlecht nicht viel gewonnen – was Wörter belegten wie „das Mädchen“, „das Vereinsmitglied“ oder gar „der Tisch“.

Doch Argumente, die auf Sprachstrukturen Bezug nehmen, finden kaum mehr Beachtung. Vor rund drei Jahrzehnten hatten sich feministische Sprachkritikerinnen erstmals daran gemacht, „das Deutsche als Männersprache“ zu entlarven, wie ein Buchtitel von damals hieß. In der fragwürdigen Tradition staatlicher Sprachlenkung ließ sich daraus dann die Forderung ableiten, dass die Sprache nun zugunsten von Frauen geändert werden müsse.

Der daraus resultierende Jargon kompensatorischer Geschlechtergerechtigkeit herrscht inzwischen in allen Institutionen unserer Mainstream-Kultur. Im Bemühen, dem vermeintlichen Ausschluss von Frauen aus der Sprache zu begegnen und Frauen, wie es hieß, sprachlich „sichtbar zu machen“, wurden Personen-, Gruppen- und Berufsbezeichnungen kreiert, Syntax und Lexik teilweise verändert.

Über den korrekten Gebrauch der sogenannten „geschlechtergerechten“, beziehungsweise „geschlechtersensiblen“ Sprache in Behörden, Unternehmen und Universitäten wachen inzwischen Kontrollgremien, die sich wiederum auf entsprechende Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsvorschriften stützen. Was dies für das Texten etwa von Infobroschüren bedeutet, wird in einer Checkliste zur Öffentlichkeitsarbeit des Familienministeriums wie folgt erläutert:

„Geschlechtersensibel heißt nicht nur, auf differenzierende Formulierungen zu achten, sondern auch, ausschließlich männliche Formulierungen gerade in männlich dominierten Bereichen (wie zum Beispiel „Wissenschaftler“, „Professor“, „Chef“) bewusst zu vermeiden. Sprachklischees sollten tabu sein (‚Lieschen Müller‘ für die Frau von der Straße mit dem einfachen Begriffsvermögen, ‚Otto Normalverbraucher‘ für den Durchschnittstypen in der Gesellschaft). Verallgemeinernde Aussagen sollen durch differenzierte Aussagen zu Männern und Frauen ersetzt werden. Sexismen sind nicht akzeptabel. Eingangsbemerkungen bei Broschüren oder Berichten wie ‚Zur besseren Lesbarkeit wird das generische Maskulinum verwendet‘ oder ‚Bei männlichen Formulierungen sind Frauen mitgedacht‘ sind ebenfalls nicht akzeptabel.“

Mit der Gerechtigkeit ist das ja bekanntlich so eine Sache: Wer sie partout herbeizwingen will, verkehrt die gute Absicht oft ins Gegenteil: Und so wäre es ja denkbar, dass es gerade der von den Geschlechtersensiblen beförderte sprachliche Separatismus ist, – diese geradezu obsessive Einteilung aller Tätigkeiten, Personen und Bezeichnungen in „weiblich“ und „männlich“ – , der zu einer nahezu ausschließlichen Hervorhebung des biologischen Geschlechts führt – und damit gerade zur wohlfeilen Zementierung jener Geschlechterklischees, die man doch vorgeblich bekämpfen will.

Daneben freilich machen sich die Widerhaken des sprachlichen Geschlechtergerechtigkeits-Programms schon in kurzen alltagssprachlichen Sätzen störend bemerkbar: Dann nämlich, wenn Klammer- und Bindestrich-Bezeichnungen ebenso wie das berühmte große Binnen-I mitten im Wort, lästige Verständnisbarrieren vor ZuhörerInnen und LeserInnen auftürmen, wie folgender Satz der Sprachwissenschaftlerin Ingrid Samel unfreiwillig belegt:

„Ob sich mit dieser Variante des Sprachgebrauchs Sprecherinnen und Sprecher, die der Sprachideologie der Gleichbehandlung anhängen, gegenüber den Vertreterinnen und Vertretern der androzentrischen Sprachideologie durchsetzen, kann von Sprachdokumentarinnen und -dokumentaren beobachtet werden.“

Doch Gerechtigkeit kann auch erfinderisch sein. Zwar geht man nicht soweit, aus sprachökonomischen Gründen wieder auf das bewährte generische Maskulinum zurückzugreifen, doch man kreiert Auswege. Und so hat es sich in jüngster Zeit eingebürgert, die groß geschriebenen Binnen I-s und Schrägstrich-Kompositionen durch ein – scheinbar neutrales – Partizip zu ersetzen.

Auf diese Weise lassen sich dann tatsächlich gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die lästigen Paarbezeichnungen – „Studentinnen und Studenten“ – inklusive Klammerkonstruktionen kann man sich guten Gewissens sparen – ohne in den hässlichen Verdacht zu geraten, in männliche Sprachdominanz zurückzufallen. Und so ist es sicher kein Zufall, dass sich das substantivierte Partizip Präsens als neue geschlechtergerechte Personenbezeichnung vor allem an Universitäten zunehmender Beliebtheit erfreut.

Ob das Partizip also wirklich zum Genus-Ersatz taugt? Auch die Journalistin Ulrike Steglich zweifelt in ihrer Internetglosse daran, nachdem sie als Redakteurin einer Berliner Stadtteilzeitung offenbar so manches Mal mit geschlechtersensiblen Sprachvorschlägen bedacht wurde:

„Was feministisch angeblich korrekt ist, ist einfach grammatischer Schwachsinn. Zeitformen scheinen für die Frauenbewegten keine Rolle mehr zu spielen. Meine Söhne lernen gerade Partizipien – was sollen sie, bitte schön, aus diesem -enden-Quark lernen? Ein Lesender ist nun mal etwas anderes als ein Leser. Wer schützt Autoren vor diesem Sprachirrsinn? Und warum liest man in feministisch bewegten Foren eigentlich nie von ‚VerbrecherInnen‘?“

Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus der vereinfachenden Optik, welche – seit den 1980er-Jahren – die vorherrschende Tradition der populären feministischen Sprachkritik in der Bundesrepublik Deutschland bestimmt. Sprache wird in dieser durch die Autorinnen Luise F. Pusch und Senta Trömel-Plötz repräsentierten Tradition ausschließlich als Ausdruck männlicher Vorherrschaft und Macht betrachtet, Kommunikationshandlungen eindimensional nach der Zugehörigkeit der Beteiligten zum männlichen oder weiblichen Geschlecht interpretiert und bewertet: Was dann regelmäßig im essentialistischen Klischee mündet, wonach „der Mann“ einen konfrontativen Gesprächsstil praktiziere, während „die Frau“ in friedlicher und kooperativer Weise kommuniziere.

Dass solch naive Zuschreibungen durch keine seriöse empirische Forschung belegt werden kann – darauf macht in den letzten Jahren eine jüngere Generation von Sprach- und Kulturwissenschaftlerinnen aufmerksam. In ihren Augen mehr als fraglich ist auch jene simplifizierende Vorstellung, auf der letztlich die behördlichen Regelungen zum Gebrauch einer geschlechtergerechten Sprache fußen und die von der Voraussetzung ausgeht, dass staatliche Eingriffe in den Sprachgebrauch letztlich auch eine Veränderung des Denkens bewirken müssten. Die Sprachwissenschaftlerin Ruth Ayaß stellt in ihrem Buch über „Kommunikation und Geschlecht „gar die Frage,

“ … inwiefern die feministische Sprachkritik zu einer Veränderung von Sprache beigetragen hat. In offiziellen Dokumenten werden die Richtlinien für einen „geschlechtergerechten“ Sprachgebrauch heute vielfach umgesetzt. Ob sich dieser offizielle Wandel auch umfassend (über akademische Zirkel hinaus) in der Alltagssprache durchsetzen kann, ist fraglich. Auch andere Versuche von Sprachnormierungen erwiesen sich als eher erfolglos.“

Das allerdings wiederum lässt hoffen. Was aber das Reden und Schreiben in und über die Sprache angeht, so lohnt es sich, noch einmal nachzuschlagen – dieses Mal allerdings bei Jacob Grimm, der in der Vorrede zu seiner Deutschen Grammatik aus dem Jahre 1819 allen Sprachwissenschaftlern, Sprachkritikern und Sprachwächtern folgende Zeilen ins Stammbuch schrieb:

„Sobald die Kritik gesetzgeberisch werden will, verleiht sie dem gegenwärtigen Zustand der Sprache kein neues Leben, sondern stört es gerade auf das Empfindlichste. Weiß sie sich dagegen von dieser falschen Ansicht frei zu halten, so ist sie eine wesentliche Stütze und Bedingung für das Studium der Sprache und der Poesie.“

‚In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmüthigste und verlogenste Minute der „Weltgeschichte“: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Athemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Thiere mussten sterben. — So könnte Jemand eine Fabel erfinden und würde doch nicht genügend illustrirt haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur ausnimmt; es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm vorbei ist, wird sich nichts begeben haben. Denn es giebt für jenen Intellekt keine weitere Mission, die über das Menschenleben hinausführte. Sondern menschlich ist er, und nur sein Besitzer und Erzeuger nimmt ihn so pathetisch, als ob die Angeln der Welt sich in ihm drehten. Könnten wir uns aber mit der Mücke verständigen, so würden wir vernehmen, dass auch sie mit diesem Pathos durch die Luft schwimmt und in sich das fliegende Centrum dieser Welt fühlt. Es ist nichts so verwerflich und gering in der Natur, was nicht durch einen kleinen Anhauch jener Kraft des Erkennens sofort wie ein Schlauch aufgeschwellt würde; und wie jeder Lastträger seinen Bewunderer haben will, so meint gar der stolzeste Mensch, der Philosoph, von allen Seiten die Augen des Weltalls teleskopisch auf sein Handeln und Denken gerichtet zu sehen.

Es ist merkwürdig, dass dies der Intellekt zu Stande bringt, er, der doch gerade nur als Hülfsmittel den unglücklichsten delikatesten vergänglichsten Wesen beigegeben ist, um sie eine Minute im Dasein festzuhalten; aus dem sie sonst, ohne jene Beigabe, so schnell wie Lessings Sohn zu flüchten allen Grund hätten. Jener mit dem Erkennen und Empfinden verbundene Hochmuth, verblendende Nebel über die Augen und Sinne der Menschen legend, täuscht sie also über den Werth des Daseins, dadurch dass er über das Erkennen selbst die schmeichelhafteste Werthschätzung in sich trägt. Seine allgemeinste Wirkung ist Täuschung — aber auch die einzelsten Wirkungen tragen etwas von gleichem Charakter an sich.

Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung; denn diese ist das Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubthier-Gebiss zu führen versagt ist. Im Menschen kommt diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentiren, das im erborgten Glanze Leben, das Maskirtsein, die verhüllende Convention, das Bühnenspiel vor Anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflattern um die eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, dass fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte. Sie sind tief eingetaucht in Illusionen und Traumbilder, ihr Auge gleitet nur auf der Oberfläche der Dinge herum und sieht „Formen“, ihre Empfindung führt nirgends in die Wahrheit, sondern begnügt sich Reize zu empfangen und gleichsam ein tastendes Spiel auf dem Rücken der Dinge zu spielen. Dazu lässt sich der Mensch Nachts, ein Leben hindurch, im Traume belügen, ohne dass sein moralisches Gefühl dies je zu verhindern suchte: während es Menschen geben soll, die durch starken Willen das Schnarchen beseitigt haben. Was weiss der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu percipiren? Verschweigt die Natur ihm nicht das Allermeiste, selbst über seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen Fluss der Blutströme, den verwickelten Fasererzitterungen, in ein stolzes gauklerisches Bewusstsein zu bannen und einzuschliessen! Sie warf den Schlüssel weg: und wehe der verhängnissvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewusstseinszimmer heraus und hinab zu sehen vermöchte und die jetzt ahnte, dass auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend. Woher, in aller Welt, bei dieser Constellation der Trieb zur Wahrheit!

Soweit das Individuum sich gegenüber andern Individuen erhalten will, benutzte es in einem natürlichen Zustande der Dinge den Intellekt zumeist nur zur Verstellung: weil aber der Mensch zugleich aus Noth und Langeweile gesellschaftlich und heerdenweise existiren will, braucht er einen Friedensschluss und trachtet darnach dass wenigstens das allergröbste bellum omnium contra omnes aus seiner Welt verschwinde. Dieser Friedensschluss bringt aber etwas mit sich, was wie der erste Schritt zur Erlangung jenes räthselhaften Wahrheitstriebes aussieht. Jetzt wird nämlich das fixirt, was von nun an „Wahrheit“ sein soll d.h. es wird eine gleichmässig gültige und verbindliche Bezeichnung der Dinge erfunden und die Gesetzgebung der Sprache giebt auch die ersten Gesetze der Wahrheit: denn es entsteht hier zum ersten Male der Contrast von Wahrheit und Lüge: der Lügner gebraucht die gültigen Bezeichnungen, die Worte, um das Unwirkliche als wirklich erscheinen zu machen; er sagt z.B. ich bin reich, während für diesen Zustand gerade „arm“ die richtige Bezeichnung wäre. Er missbraucht die festen Conventionen durch beliebige Vertauschungen oder gar Umkehrungen der Namen. Wenn er dies in eigennütziger und übrigens Schaden bringender Weise thut, so wird ihm die Gesellschaft nicht mehr trauen und ihn dadurch von sich ausschliessen. Die Menschen fliehen dabei das Betrogenwerden nicht so sehr, als das Beschädigtwerden durch Betrug. Sie hassen auch auf dieser Stufe im Grunde nicht die Täuschung, sondern die schlimmen, feindseligen Folgen gewisser Gattungen von Täuschungen. In einem ähnlichen beschränkten Sinne will der Mensch auch nur die Wahrheit. Er begehrt die angenehmen, Leben erhaltenden Folgen der Wahrheit; gegen die reine folgenlose Erkenntniss ist er gleichgültig, gegen die vielleicht schädlichen und zerstörenden Wahrheiten sogar feindlich gestimmt. Und überdies: wie steht es mit jenen Conventionen der Sprache? Sind sie vielleicht Erzeugnisse der Erkenntniss, des Wahrheitssinnes: decken sich die Bezeichnungen und die Dinge? Ist die Sprache der adäquate Ausdruck aller Realitäten?

Nur durch Vergesslichkeit kann der Mensch je dazu kommen zu wähnen: er besitze eine Wahrheit in dem eben bezeichneten Grade. Wenn er sich nicht mit der Wahrheit in der Form der Tautologie d.h. mit leeren Hülsen begnügen will, so wird er ewig Illusionen für Wahrheiten einhandeln. Was ist ein Wort? Die Abbildung eines Nervenreizes in Lauten. Von dem Nervenreiz aber weiterzuschliessen auf eine Ursache ausser uns, ist bereits das Resultat einer falschen und unberechtigten Anwendung des Satzes vom Grunde. Wie dürften wir, wenn die Wahrheit bei der Genesis der Sprache, der Gesichtspunkt der Gewissheit bei den Bezeichnungen allein entscheidend gewesen wäre, wie dürften wir doch sagen: der Stein ist hart: als ob uns „hart“ noch sonst bekannt wäre und nicht nur als eine ganz subjektive Reizung! Wir theilen die Dinge nach Geschlechtern ein, wir bezeichnen den Baum als männlich, die Pflanze als weiblich: welche willkürlichen Übertragungen! Wie weit hinausgeflogen über den Canon der Gewissheit! Wir reden von einer Schlange: die Bezeichnung trifft nichts als das Sichwinden, könnte also auch dem Wurme zukommen. Welche willkürlichen Abgrenzungen, welche einseitigen Bevorzugungen bald der bald jener Eigenschaft eines Dinges! Die verschiedenen Sprachen neben einander gestellt zeigen, dass es bei den Worten nie auf die Wahrheit, nie auf einen adäquaten Ausdruck ankommt: denn sonst gäbe es nicht so viele Sprachen. Das „Ding an sich“ (das würde eben die reine folgenlose Wahrheit sein) ist auch dem Sprachbildner ganz unfasslich und ganz und gar nicht erstrebenswerth. Er bezeichnet nur die Relationen der Dinge zu den Menschen und nimmt zu deren Ausdrucke die kühnsten Metaphern zu Hülfe. Ein Nervenreiz zuerst übertragen in ein Bild! erste Metapher. Das Bild wieder nachgeformt in einen

Laut! Zweite Metapher. Und jedesmal vollständiges Ueberspringen der Sphäre, mitten hinein in eine ganz andere und neue. Man kann sich einen Menschen denken, der ganz taub ist und nie eine Empfindung des Tones und der Musik gehabt hat: wie dieser etwa die Chladnischen Klangfiguren im Sande anstaunt, ihre Ursachen im Erzittern der Saite findet und nun darauf schwören wird, jetzt müsse er wissen, was die Menschen den Ton nennen, so geht es uns allen mit der Sprache. Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen, wenn wir von Bäumen, Farben, Schnee und Blumen reden und besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen. Wie der Ton als Sandfigur, so nimmt sich das räthselhafte X des Dings an sich einmal als Nervenreiz, dann als Bild, endlich als Laut aus. Logisch geht es also jedenfalls nicht bei der Entstehung der Sprache zu, und das ganze Material worin und womit später der Mensch der Wahrheit, der Forscher, der Philosoph arbeitet und baut, stammt, wenn nicht aus Wolkenkukuksheim, so doch jedenfalls nicht aus dem Wesen der Dinge.

Denken wir besonders noch an die Bildung der Begriffe: jedes Wort wird sofort dadurch Begriff, dass es eben nicht für das einmalige ganz und gar individualisirte Urerlebniss, dem es sein Entstehen verdankt, etwa als Erinnerung dienen soll, sondern zugleich für zahllose, mehr oder weniger ähnliche, d.h. streng genommen niemals gleiche, also auf lauter ungleiche Fälle passen muss. Jeder Begriff entsteht durch Gleichsetzen des Nicht-Gleichen. So gewiss nie ein Blatt einem anderen ganz gleich ist, so gewiss ist der Begriff Blatt durch beliebiges Fallenlassen dieser individuellen Verschiedenheiten, durch ein Vergessen des Unterscheidenden gebildet und erweckt nun die Vorstellung, als ob es in der Natur ausser den Blättern etwas gäbe, das „Blatt“ wäre, etwa eine Urform, nach der alle Blätter gewebt, gezeichnet, abgezirkelt, gefärbt, gekräuselt, bemalt wären, aber von ungeschickten Händen, so dass kein Exemplar correkt und zuverlässig als treues Abbild der Urform ausgefallen wäre. Wir nennen einen Menschen ehrlich; warum hat er heute so ehrlich gehandelt? fragen wir. Unsere Antwort pflegt zu lauten: seiner Ehrlichkeit wegen. Die Ehrlichkeit! das heisst wieder: das Blatt ist die Ursache der Blätter. Wir wissen ja gar nichts von einer wesenhaften Qualität, die die Ehrlichkeit hiesse, wohl aber von zahlreichen individualisirten, somit ungleichen Handlungen, die wir durch Weglassen des Ungleichen gleichsetzen und jetzt als ehrliche Handlungen bezeichnen; zuletzt formuliren wir aus ihnen eine qualitas occulta mit dem Namen: die Ehrlichkeit.

Das Uebersehen des Individuellen und Wirklichen giebt uns den Begriff, wie es uns auch die Form giebt, wohingegen die Natur keine Formen und Begriffe, also auch keine Gattungen kennt, sondern nur ein für uns unzugängliches und undefinirbares X. Denn auch unser Gegensatz von Individuum und Gattung ist anthropomorphisch und entstammt nicht dem Wesen der Dinge, wenn wir auch nicht zu sagen wagen, dass er ihm nicht entspricht: das wäre nämlich eine dogmatische Behauptung und als solche ebenso unerweislich wie ihr Gegentheil.

Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht kommen. Wir wissen immer noch nicht, woher der Trieb zur Wahrheit stammt: denn bis jetzt haben wir nur von der Verpflichtung gehört, die die Gesellschaft, um zu existiren, stellt, wahrhaft zu sein, d.h. die usuellen Metaphern zu brauchen, also moralisch ausgedrückt: von der Verpflichtung nach einer festen Convention zu lügen, schaarenweise in einem für alle verbindlichen Stile zu lügen. Nun vergisst freilich der Mensch, dass es so mit ihm steht; er lügt also in der bezeichneten Weise unbewusst und nach hundertjährigen Gewöhnungen — und kommt eben durch diese Unbewusstheit, eben durch dies Vergessen zum Gefühl der Wahrheit. An dem Gefühl verpflichtet zu sein, ein Ding als roth, ein anderes als kalt, ein drittes als stumm zu bezeichnen, erwacht eine moralische auf Wahrheit sich beziehende Regung: aus dem Gegensatz des Lügners, dem Niemand traut, den alle ausschliessen, demonstrirt sich der Mensch das Ehrwürdige, Zutrauliche und Nützliche der Wahrheit. Er stellt jetzt sein Handeln als vernünftiges Wesen unter die Herrschaft der Abstractionen: er leidet es nicht mehr, durch die plötzlichen Eindrücke, durch die Anschauungen fortgerissen zu werden, er verallgemeinert alle diese Eindrücke erst zu entfärbteren, kühleren Begriffen, um an sie das Fahrzeug seines Lebens und Handelns anzuknüpfen. Alles, was den Menschen gegen das Thier abhebt, hängt von dieser Fähigkeit ab, die anschaulichen Metaphern zu einem Schema zu verflüchtigen, also ein Bild in einen Begriff aufzulösen; im Bereich jener Schemata nämlich ist etwas möglich, was niemals unter den anschaulichen ersten Eindrücken gelingen möchte: eine pyramidale Ordnung nach Kasten und Graden aufzubauen, eine neue Welt von Gesetzen, Privilegien, Unterordnungen, Gränzbestimmungen zu schaffen, die nun der anderen anschaulichen Welt der ersten Eindrücke gegenübertritt, als das Festere, Allgemeinere, Bekanntere, Menschlichere und daher als das Regulirende und Imperativische. Während jede Anschauungsmetapher individuell und ohne ihres Gleichen ist und deshalb allem Rubriciren immer zu entfliehen weiss, zeigt der grosse Bau der Begriffe die starre Regelmässigkeit eines römischen Columbariums und athmet in der Logik jene Strenge und Kühle aus, die der Mathematik zu eigen ist. Wer von dieser Kühle angehaucht wird, wird es kaum glauben, dass auch der Begriff, knöchern und 8eckig wie ein Würfel und versetzbar wie jener, doch nur als das Residuum einer Metapher übrig bleibt, und dass die Illusion der künstlerischen Uebertragung eines Nervenreizes in Bilder, wenn nicht die Mutter so doch die Grossmutter eines jeden Begriffs ist. Innerhalb dieses Würfelspiels der Begriffe heisst aber „Wahrheit“ — jeden Würfel so zu gebrauchen, wie er bezeichnet ist; genau seine Augen zu zählen, richtige Rubriken zu bilden und nie gegen die Kastenordnung und gegen die Reihenfolge der Rangklassen zu verstossen. Wie die Römer und Etrusker sich den Himmel durch starre mathematische Linien zerschnitten und in einen solchermaassen abgegrenzten Raum als in ein templum einen Gott bannten, so hat jedes Volk über sich einen solchen mathematisch zertheilten Begriffshimmel und versteht nun unter der Forderung der Wahrheit, dass jeder Begriffsgott nur in seiner Sphäre gesucht werde. Man darf hier den Menschen wohl bewundern als ein gewaltiges Baugenie, dem auf beweglichen Fundamenten und gleichsam auf fliessendem Wasser das Aufthürmen eines unendlich complicirten Begriffsdomes gelingt; freilich, um auf solchen Fundamenten Halt zu finden, muss es ein Bau, wie aus Spinnefäden sein, so zart, um von der Welle mit fortgetragen, so fest, um nicht von dem Winde auseinander geblasen zu werden. Als Baugenie erhebt sich solcher Maassen der Mensch weit über die Biene: diese baut aus Wachs, das sie aus der Natur zusammenholt, er aus dem weit zarteren Stoffe der Begriffe, die er erst aus sich fabriciren muss. Er ist hier sehr zu bewundern — aber nur nicht wegen seines Triebes zur Wahrheit, zum reinen Erkennen der Dinge. Wenn Jemand ein Ding hinter einem Busche versteckt, es eben dort wieder sucht und

findet, so ist an diesem Suchen und Finden nicht viel zu rühmen: so aber steht es mit dem Suchen und Finden der „Wahrheit“ innerhalb des Vernunft-Bezirkes. Wenn ich die Definition des Säugethiers mache und dann erkläre, nach Besichtigung eines Kameels: Siehe, ein Säugethier, so wird damit eine Wahrheit zwar an das Licht gebracht, aber sie ist von begränztem Werthe, ich meine, sie ist durch und durch anthropomorphisch und enthält keinen einzigen Punkt, der „wahr an sich“, wirklich und allgemeingültig, abgesehen von dem Menschen, wäre. Der Forscher nach solchen Wahrheiten sucht im Grunde nur die Metamorphose der Welt in den Menschen; er ringt nach einem Verstehen der Welt als eines menschenartigen Dinges und erkämpft sich besten Falls das Gefühl einer Assimilation. Aehnlich wie der Astrolog die Sterne im Dienste der Menschen und im Zusammenhange mit ihrem Glück und Leide betrachtet, so betrachtet ein solcher Forscher die ganze Welt als geknüpft an den Menschen, als den unendlich gebrochenen Wiederklang eines Urklanges, des Menschen, als das vervielfältigte Abbild des einen Urbildes, des Menschen. Sein Verfahren ist: den Menschen als Maass an alle Dinge zu halten, wobei er aber von dem Irrthume ausgeht, zu glauben, er habe diese Dinge unmittelbar als reine Objekte vor sich. Er vergisst also die originalen Anschauungsmetaphern als Metaphern und nimmt sie als die Dinge selbst.

Nur durch das Vergessen jener primitiven Metapherwelt, nur durch das Hart- und Starr-Werden einer ursprünglich in hitziger Flüssigkeit aus dem Urvermögen menschlicher Phantasie hervorströmenden Bildermasse, nur durch den unbesiegbaren Glauben, diese Sonne, dieses Fenster, dieser Tisch sei eine Wahrheit an sich, kurz nur dadurch, dass der Mensch sich als Subjekt und zwar als künstlerisch schaffendes Subjekt vergisst, lebt er mit einiger Ruhe, Sicherheit und Consequenz; wenn er einen Augenblick nur aus den Gefängnisswänden dieses Glaubens heraus könnte, so wäre es sofort mit seinem „Selbstbewusstsein“ vorbei. Schon dies kostet ihm Mühe, sich einzugestehen, wie das Insekt oder der Vogel eine ganz andere Welt percipiren als der Mensch, und dass die Frage, welche von beiden Weltperceptionen richtiger ist, eine ganz sinnlose ist, da hierzu bereits mit dem Maassstabe der richtigen Perception d.h. mit einem nicht vorhandenen Maassstabe gemessen werden müsste. Ueberhaupt aber scheint mir die richtige Perception — das würde heissen der adäquate Ausdruck eines Objekts im Subjekt — ein widerspruchsvolles Unding: denn zwischen zwei absolut verschiedenen Sphären wie zwischen Subjekt und Objekt giebt es keine Causalität, keine Richtigkeit, keinen Ausdruck, sondern höchstens ein ästhetisches Verhalten, ich meine eine andeutende Uebertragung, eine nachstammelnde Uebersetzung in eine ganz fremde Sprache. Wozu es aber jedenfalls einer frei dichtenden und frei erfindenden Mittel-Sphäre und Mittelkraft bedarf. Das Wort Erscheinung enthält viele Verführungen, weshalb ich es möglichst vermeide: denn es ist nicht wahr, dass das Wesen der Dinge in der empirischen Welt erscheint. Ein Maler, dem die Hände fehlen und der durch Gesang das ihm vorschwebende Bild ausdrücken wollte, wird immer noch mehr bei dieser Vertauschung der Sphären verrathen, als die empirische Welt vom Wesen der Dinge verräth. Selbst das Verhältniss eines Nervenreizes zu dem hervorgebrachten Bilde ist an sich kein nothwendiges; wenn aber eben dasselbe Bild Millionen Mal hervorgebracht und durch viele Menschengeschlechter hindurch vererbt ist, ja zuletzt bei der gesammten Menschheit jedesmal in Folge desselben Anlasses erscheint, so bekommt es endlich für den Menschen dieselbe Bedeutung, als ob es das einzig nothwendige Bild sei und als ob jenes Verhältniss des ursprünglichen Nervenreizes zu dem hergebrachten Bilde ein strenges Causalitätsverhältniss sei; wie ein Traum, ewig wiederholt, durchaus als Wirklichkeit empfunden und beurtheilt werden würde. Aber das Hart- und Starr-Werden einer Metapher verbürgt durchaus nichts für die Nothwendigkeit und ausschliessliche Berechtigung dieser Metapher.

Es hat gewiss jeder Mensch, der in solchen Betrachtungen heimisch ist, gegen jeden derartigen Idealismus ein tiefes Misstrauen empfunden, so oft er sich einmal recht deutlich von der ewigen Consequenz, Allgegenwärtigkeit und Unfehlbarkeit der Naturgesetze überzeugte; er hat den Schluss gemacht: hier ist alles, soweit wir dringen, nach der Höhe der teleskopischen und nach der Tiefe der mikroskopischen Welt, so sicher, ausgebaut, endlos, gesetzmässig und ohne Lücken; die Wissenschaft wird ewig in diesen Schachten mit Erfolg zu graben haben und alles Gefundene wird zusammenstimmen und sich nicht widersprechen. Wie wenig gleicht dies einem Phantasieerzeugniss: denn wenn es dies wäre, müsste es doch irgendwo den Schein und die Unrealität errathen lassen. Dagegen ist einmal zu sagen: hätten wir noch, jeder für sich eine verschiedenartige Sinnesempfindung, könnten wir selbst nur bald als Vogel, bald als Wurm, bald als Pflanze percipiren, oder sähe der eine von uns denselben Reiz als roth, der andere als blau, hörte ein Dritter ihn sogar als Ton, so würde niemand von einer solchen Gesetzmässigkeit der Natur reden, sondern sie nur als ein höchst subjectives Gebilde begreifen. Sodann: was ist für uns überhaupt ein Naturgesetz; es ist uns nicht an sich bekannt, sondern nur in seinen Wirkungen d.h. in seinen Relationen zu anderen Naturgesetzen, die uns wieder nur als Relationen bekannt sind. Also verweisen alle diese Relationen immer nur wieder auf einander und sind uns ihrem Wesen nach unverständlich durch und durch; nur das, was wir hinzubringen, die Zeit, der Raum, also Successionsverhältnisse und Zahlen sind uns wirklich daran bekannt. Alles Wunderbare aber, das wir gerade an den Naturgesetzen anstaunen, das unsere Erklärung fordert und uns zum Misstrauen gegen den Idealismus verführen könnte, liegt gerade und ganz allein nur in der mathematischen Strenge und Unverbrüchlichkeit der Zeit- und Raum-Vorstellungen. Diese aber produciren wir in uns und aus uns mit jener Nothwendigkeit, mit der die Spinne spinnt; wenn wir gezwungen sind, alle Dinge nur unter diesen Formen zu begreifen, so ist es dann nicht mehr wunderbar, dass wir an allen Dingen eigentlich nur eben diese Formen begreifen: denn sie alle müssen die Gesetze der Zahl an sich tragen, und die Zahl gerade ist das Erstaunlichste in den Dingen. Alle Gesetzmässigkeit, die uns im Sternenlauf und im chemischen Process so imponirt, fällt im Grund mit jenen Eigenschaften zusammen, die wir selbst an die Dinge heranbringen, so dass wir damit uns selber imponiren. Dabei ergiebt sich allerdings, dass jene künstlerische Metapherbildung, mit der in uns jede Empfindung beginnt, bereits jene Formen voraussetzt, also in ihnen vollzogen wird; nur aus dem festen Verharren dieser Urformen erklärt sich die Möglichkeit, wie nachher wieder aus den Metaphern selbst ein Bau der Begriffe constituirt werden sollte. Dieser ist nämlich eine Nachahmung der Zeit- Raum- und Zahlenverhältnisse auf dem Boden der Metaphern.

 

2.

An dem Bau der Begriffe arbeitet ursprünglich, wie wir sahen, die Sprache, in späteren Zeiten die Wissenschaft. Wie die Biene zugleich an den Zellen baut und die Zellen mit Honig füllt, so arbeitet die Wissenschaft unaufhaltsam an jenem grossen Columbarium der Begriffe, der Begräbnissstätte der Anschauung, baut immer neue und höhere Stockwerke, stützt, reinigt, erneut die alten Zellen, und ist vor allem bemüht, jenes in’s Ungeheure aufgethürmte Fachwerk zu füllen und die ganze empirische Welt d.h. die anthropomorphische Welt hineinzuordnen. Wenn schon der handelnde Mensch sein Leben an die Vernunft und ihre Begriffe bindet, um nicht fortgeschwemmt zu werden und sich nicht selbst zu verlieren, so baut der Forscher seine Hütte dicht an dem

Thurmbau der Wissenschaft, um an ihm mithelfen zu können und selbst Schutz unter dem vorhandenen Bollwerk zu finden. Und Schutz braucht er: denn es giebt furchtbare Mächte, die fortwährend auf ihn eindringen, und die der wissenschaftlichen Wahrheit ganz anders geartete „Wahrheiten“ mit den verschiedenartigsten Schildzeichen entgegenhalten.

Jener Trieb zur Metapherbildung, jener Fundamentaltrieb des Menschen, den man keinen Augenblick wegrechnen kann, weil man damit den Menschen selbst wegrechnen würde, ist dadurch, dass aus seinen verflüchtigten Erzeugnissen, den Begriffen, eine reguläre und starre neue Welt als eine Zwingburg für ihn gebaut wird, in Wahrheit nicht bezwungen und kaum gebändigt. Er sucht sich ein neues Bereich seines Wirkens und ein anderes Flussbette und findet es im Mythus und überhaupt in der Kunst. Fortwährend verwirrt er die Rubriken und Zellen der Begriffe dadurch dass er neue Uebertragungen, Metaphern, Metonymien hinstellt, fortwährend zeigt er die Begierde, die vorhandene Welt des wachen Menschen so bunt unregelmässig folgenlos unzusammenhängend, reizvoll und ewig neu zu gestalten, wie es die Welt des Traumes ist. An sich ist ja der wache Mensch nur durch das starre und regelmässige Begriffsgespinnst darüber im Klaren, dass er wache, und kommt eben deshalb mitunter in den Glauben, er träume, wenn jenes Begriffsgespinnst einmal durch die Kunst zerrissen wird. Pascal hat Recht, wenn er behauptet, dass wir, wenn uns jede Nacht derselbe Traum käme, davon eben so beschäftigt würden, als von den Dingen, die wir jeden Tag sehen: „Wenn ein Handwerker gewiss wäre jede Nacht zu träumen volle zwölf Stunden hindurch, dass er König sei, so glaube ich, sagt Pascal, dass er eben so glücklich wäre, als ein König welcher alle Nächte während zwölf Stunden träumte er sei Handwerker“. Der wache Tag eines mythisch erregten Volkes, etwa der älteren Griechen, ist durch das fortwährend wirkende Wunder, wie es der Mythus annimmt, in der That dem Traume ähnlicher als dem Tag des wissenschaftlich ernüchterten Denkers. Wenn jeder Baum einmal als Nymphe reden oder unter der Hülle eines Stieres ein Gott Jungfrauen wegschleppen kann, wenn die Göttin Athene selbst plötzlich gesehen wird, wie sie mit einem schönen Gespann in der Begleitung des Pisistratus durch die Märkte Athens fährt — und das glaubte der ehrliche Athener — so ist in jedem Augenblicke, wie im Traume, alles möglich, und die ganze Natur umschwärmt den Menschen, als ob sie nur die Maskerade der Götter wäre, die sich nur einen Scherz daraus machten, in allen Gestalten den Menschen zu täuschen.

Der Mensch selbst aber hat einen unbesiegbaren Hang, sich täuschen zu lassen und ist wie bezaubert vor Glück, wenn der Rhapsode ihm epische Märchen wie wahr erzählt oder der Schauspieler im Schauspiel den König noch königlicher agirt, als ihn die Wirklichkeit zeigt. Der Intellekt, jener Meister der Verstellung, ist so lange frei, und seinem sonstigen Sklavendienste enthoben, als er täuschen kann, ohne zu schaden und feiert dann seine Saturnalien; nie ist er üppiger, reicher, stolzer, gewandter und verwegener. Mit schöpferischem Behagen wirft er die Metaphern durcheinander und verrückt die Gränzsteine der Abstraktion, so dass er z.B. den Strom als den beweglichen Weg bezeichnet, der den Menschen trägt, dorthin, wohin er sonst geht. Jetzt hat er das Zeichen der Dienstbarkeit von sich geworfen: sonst mit trübsinniger Geschäftigkeit bemüht, einem armen Individuum, dem es nach Dasein gelüstet, den Weg und die Werkzeuge zu zeigen und wie ein Diener für seinen Herrn auf Raub und Beute ausziehend ist er jetzt zum Herrn geworden und darf den Ausdruck der Bedürftigkeit aus seinen Mienen wegwischen. Was er jetzt auch thut, Alles trägt im Vergleich mit seinem früheren Thun die Verstellung, wie das frühere die Verzerrung an sich. Er copirt das Menschenleben, nimmt es aber für eine gute Sache und scheint mit ihm sich recht zufrieden zu geben. Jenes ungeheure Gebälk und Bretterwerk der Begriffe, an das sich klammernd der bedürftige Mensch sich durch das Leben rettet, ist dem freigewordenen Intellekt nur ein Gerüst und ein Spielzeug für seine verwegensten Kunststücke: und wenn er es zerschlägt, durcheinanderwirft, ironisch wieder zusammensetzt, das Fremdeste paarend und das Nächste trennend, so offenbart er, dass er jene Nothbehelfe der Bedürftigkeit nicht braucht, und dass er jetzt nicht von Begriffen sondern von Intuitionen geleitet wird. Von diesen Intuitionen aus führt kein regelmässiger Weg in das Land der gespenstischen Schemata, der Abstraktionen: für sie ist das Wort nicht gemacht, der Mensch verstummt, wenn er sie sieht, oder redet in lauter verbotenen Metaphern und unerhörten Begriffsfügungen, um wenigstens durch das Zertrümmern und Verhöhnen der alten Begriffsschranken dem Eindrucke der mächtigen gegenwärtigen Intuition schöpferisch zu entsprechen.

Es giebt Zeitalter, in denen der vernünftige Mensch und der intuitive Mensch neben einander stehen, der eine in Angst vor der Intuition, der andere mit Hohn über die Abstraction; der letztere eben so unvernünftig, als der erstere unkünstlerisch ist. Beide begehren über das Leben zu herrschen: dieser, indem er durch Vorsorge, Klugheit, Regelmässigkeit den hauptsächlichsten Nöthen zu begegnen weiss, jener indem er als ein „überfroher Held“ jene Nöthe nicht sieht und nur das zum Schein und zur Schönheit verstellte Leben als real nimmt. Wo einmal der intuitive Mensch, etwa wie im älteren Griechenland seine Waffen gewaltiger und siegreicher führt, als sein Widerspiel, kann sich günstigen Falls eine Kultur gestalten, und die Herrschaft der Kunst über das Leben sich gründen; jene Verstellung, jenes Verläugnen der Bedürftigkeit, jener Glanz der metaphorischen Anschauungen und überhaupt jene Unmittelbarkeit der Täuschung begleitet alle Aeusserungen eines solchen Lebens. Weder das Haus, noch der Schritt, noch die Kleidung, noch der thönerne Krug verrathen, dass die Nothdurft sie erfand; es scheint so als ob in ihnen allen ein erhabenes Glück und eine olympische Wolkenlosigkeit und gleichsam ein Spielen mit dem Ernste ausgesprochen werden sollte. Während der von Begriffen und Abstractionen geleitete Mensch durch diese das Unglück nur abwehrt, ohne selbst aus den Abstraktionen sich Glück zu erzwingen, während er nach möglichster Freiheit von Schmerzen trachtet, erntet der intuitive Mensch, inmitten einer Kultur stehend, bereits von seinen Intuitionen, ausser der Abwehr des Uebels eine fortwährend einströmende Erhellung, Aufheiterung, Erlösung. Freilich leidet er heftiger, wenn er leidet; ja er leidet auch öfter, weil er aus der Erfahrung nicht zu lernen versteht und immer wieder in dieselbe Grube fällt, in die er einmal gefallen. Im Leide ist er dann ebenso unvernünftig wie im Glück, er schreit laut und hat keinen Trost. Wie anders steht unter dem gleichen Missgeschick der stoische, an der Erfahrung belehrte, durch Begriffe sich beherrschende Mensch da! Er, der sonst nur Aufrichtigkeit, Wahrheit, Freiheit von Täuschungen und Schutz vor berückenden Ueberfällen sucht, legt jetzt, im Unglück, das Meisterstück der Verstellung ab, wie jener im Glück; er trägt kein zuckendes und bewegliches Menschengesicht, sondern gleichsam eine Maske mit würdigem Gleichmaasse der Züge, er schreit nicht und verändert nicht einmal seine Stimme. Wenn eine rechte Wetterwolke sich über ihn ausgiesst, so hüllt er sich in seinen Mantel und geht langsamen Schrittes unter ihr davon.‘ (Friedrich Nietzsche)

Ein wunderbarer Text über Sprachkritik und Sprachskepsis!!! Nietzsche nach haben alle sprachlichen Zeichen rein metaphorischen Charakter, bilden also ihrem Wesen nach keine Wirklichkeit ab, sondern erzeugen eine neue Wirklichkeit. Siehe auch Post ‚Sprechen und Sprechkrisen‘ und unter ‚Poetologisches‘!

In meinem Kurzprofil heißt es ja richtigerweise: im Süden gezeugt, im Westen geborn!!! Konkreter gesagt heißt das: in Bayern gezeugt, im Ruhrpott geborn!!! Mit anderen Worten: es schlagen zwei Herzen in meiner Seele: die bayerische (boarische) und die ausm Ruhrgebiet (ruhrpott)!!! Man kann sich das so vorstellen: Herbert Knebel (http://www.herbertknebel.de/) meets (trifft) Gerhard Polt (http://www.biermoesl-blosn.de/polt/ ). Oder genauer gesagt: Knebel: Hömma wie isett??? – Polt: Habedieehre, wos sogst??? – Knebel: Wattt??? Dazu würden eigentlich nur noch Dittsche ausm Norden und irgendein Ossi fehlen und fertig wäre die volle Lauge. Kurzum: man könnte mich einen Ruhrpottbayer oder boarischen Preiß nennen. Geht doch gar nicht, oder? A Weischwuarscht und ne Brattwurst!?!? A Ledahosn und —- was tragen eigentlich Ruhrpottler?

Ich liebe halt diese beiden Dialekte. Im ‚Trikont‘ – Verlag ist eine CD-Reihe ‚Stimmen Bayerns‘ veröffentlicht worden. Dazu folgende Ankündigung:

‚»Ich möcht mich mal richtig in der Sprache darenna.« Herbert Achternbusch

»Im Grunde besitze ich nur meinen Geburtsort und bin besessen von seiner Sprache.« Ross MacDonald

»Eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen.« Ludwig Wittgenstein

Wir wachsen auf und werden alt und ständig spricht jemand zu uns und wir sprechen mit anderen. Der Klang der Sprache vermittelt uns wie wenig sonst Vertrautheit, Beständigkeit und Stabilität.
Nachdem Sprache ja nicht nur im Privaten ihren Ausdruck findet, gibt es quasi noch ein Allgemeingut an Stimmen. Stimmen aus dem Radio die uns in Vergangenes zurück katapultieren, den Kommissar im Fernsehen, den Moderator unserer Lieblingssendung, den Kasperl auf der Kinder-Kassette von vor vielen Jahren, den Volksschauspieler mit seiner unverwechselbaren Klangfärbung, das rollende »R« der Nachrichtensprecherin aus einer Zeit in der es nur ein Fernsehprogramm gab, usw. usw.
Stimmen die fast jeder kennt, die das Zuhause aller sind und eine Verbindung herstellen zwischen uns und den anderen. Sie stehen für den Klang Bayerns. Sie sind ihr populärster Ausdruck.
Generationen sind mit diesen Stimmen groß geworden – sie beinhalten Klischees und Abgrund, Verschrobenheit und Sentimentalität.
Diese Stimmen und der Klang ihrer Sprache verkörpern gleichsam die »bayerische Übereinkunft«, sie sind das »Einheimisch Sein« jedes einzelnen. Dieses Gefühl an einem Ort Daheim, also »Einheimisch« zu sein, wird sicher unterschiedlich wahrgenommen – aber jeder der länger an einem Platz lebt, der seine Aufmerksamkeit und sein Interesse einer Gegend widmet wird wissen, was dieser Begriff bedeutet und was wir damit meinen.
Unsere »Stimmen Bayerns« können deshalb auch ohne Dialekt sprechen und trotzdem mit dem Lebensgefühl einer Gegend verbunden sein. Das Sprechen wird in dieser Sammlung nicht nur als Transportmittel von Inhalten benutzt, es geht um den Sound von Sprache und um die schiere Freude am Lebendig sein, (selbst wenn man dem Tod ins Auge sieht). Es geht um Rhythmus und Melodien des Denkens in denen gemeinsame und individuelle Erfahrungen zusammenfließen und plötzlich von allen erkannt und verstanden werden können.‘

Mittlerweile zum 90. Gerburtstag von Vattern am 3.11.2011 das Buch ‚Dinner for one auf bayerisch‘ gekauft. Jetzt gehts ’nur‘ um die Umsetzung dieser Idee des Aufführens. ‚Freili, ois ganz genauso wia ollawei!!!‘

Seit Jahren bin ich ja ein inniger Fan von ‚Herbert Knebels Affentheater‘!!! Absolut Kult für mich!!! Am 17.12.2011 werde ich mir in Unna das 12. Programm dieser Ruhrpotttruppe anschauen und -hören!!!