Interview mit dem Philosophen Markus Gabriel

„Moralischer Fortschritt lässt sich nur global bewältigen“

23. Juni 2020 von Michael Roesler-Graichen

Der Bonner Philosoph Markus Gabriel sieht in der Corona-Krise einen Weckruf für die gesamte Menschheit. Im Börsenblatt-Gespräch über sein neues Buch fordert er eine erneuerte Aufklärung, die für universale Werte eintritt und moralischen Fortschritt im 21. Jahrhundert ermöglichen soll.

Ihr neues Buch ist als Grundlegung des moralischen Fortschritts in einer Welt nach Corona gedacht. Hat die Pandemie die Notwendigkeit einer neuen moralischen Aufklärung verschärft?

Die Corona-Pandemie legt die Systemstrukturen, in denen wir uns als Menschheit organisieren, frei, und lässt sie wie vor einem Spiegel deutlich konturierter hervortreten. Dabei wird das Aufklärungsdefizit, das wir im 21. Jahrhundert nach wie vor haben, sichtbar. Wir sehen einerseits Rückschritte, etwa in der Präsidentschaft von Donald Trump, andererseits gibt es moralischen Fortschritt, zum Beispiel bei den Fridays for Future.

An wen richtet sich Ihr Buch?

Es geht mir darum, philosophische Theoriebildung – hier auf dem Gebiet der Ethik –  transparent darzustellen. Der philosophische Laie soll sich darüber informieren können, wie der ethische Forschungsstand unsere Gegenwart sieht, wobei das Buch natürlich auch die Absicht verfolgt, die gesellschaftliche Entwicklung in die moralisch wünschbare Richtung zu lenken.

Sie postulieren einen moralischen Realismus, der universale Geltung beansprucht? Würde der auch außerirdische Zivilisationen mit einschließen?

Ja. Im Prinzip gelten moralische Tatsachen für jedes Lebewesen mit vergleichbaren kognitiven Standards, also zum Beispiel auch für Aliens, die es gewohnt wären, andere Planeten zu unterjochen. Auch sie müsste man über die universalen Grundlagen der Moral aufklären, wozu gehört, dass Kolonialismus moralisch verwerflich ist.

Wenn moralische Tatsachen unabhängig von Gott, der Metaphysik und der Evolution existieren, wie Sie schreiben, worin gründen sie dann überhaupt?

Es gibt Tatsachen, die unbestreitbar sind und keiner weiteren Begründung bedürfen, wie etwa, dass man Kinder nicht foltern darf. Die Suche nach Gründen für das moralisch Offensichtliche würde zu nichts führen. Jeder Grund, den man angäbe, würde die Frage nach dem nächsthöheren Grund aufwerfen und so weiter.

In einer Welt von Fake News und Verschwörungstheorien geben meist Werte-Nihilisten und -Relativisten den Ton an. Wie kann es gelingen, dem universalen Ansatz einen argumentativen Vorteil zu verschaffen?

Im postmodernen Medienspektakel gibt es immer ein nihilistisches und relativistisches Hintergrundrauschen. Mir geht es darum, den universalistischen, werterealistischen Ansatz in die Debatte einzuführen. Dazu gehört auch die kritische Beleuchtung der Tradition. Auch Kant, der Vater des kategorischen Imperativs, hatte Gegner – zum Bespiel Herder, der Moralvorstellungen an Kulturen und Völker knüpfte. Und Kant selbst hat ethische Fehler begangen (er glaubte etwa trotz seines Universalismus an Menschenrassen).

Wie könnte moralischer Fortschritt im 21. Jahrhundert gelingen?

Indem wir bei uns selbst anfangen. Es ist eine weit verbreitete Einstellung, moralische Defizite im Fremdverhalten auszumachen. Insofern kann man etwa beim Thema Rassismus nicht mit dem Finger auf die USA zeigen, ohne einzugestehen, dass es auch in Deutschland einen Alltagsrassismus gibt, der gleichwohl andere Erscheinungsformen hat. Wir müssen den Blick auch immer auf uns selbst richten.

Sie behaupten in einer Passage Ihres Buchs, das 21. Jahrhundert sei selbst eine Pandemie. Was heißt das?

„Pan-demie“ stammt aus dem Griechischen und heißt im Wortlaut „alle Völker betreffend“. Weil Kommunikation und Warenwege im 21. Jahrhundert global vernetzt sind, könnte man es in diesem Sinne als Pan-demie bezeichnen. Das bedeutet: Alle Fragen moralischen Fortschritts lassen sich nur global bewältigen. Jeder Rückzug auf das Nationale oder einen Sonderweg erzeugt eine gefährliche Schieflage. Es bringt beispielsweise nichts, wenn in Deutschland Windparks gebaut werden, und gleichzeitig deutsche Unternehmen in China Autofabriken für fossile Fahrzeuge bauen.

Müssen sich Wirtschaft und Konsumverhalten radikal verändern, um das Überleben der Menschheit zu sichern?

Unbedingt. Die ökonomisch-politischen Teilsysteme und das Verhalten jedes einzelnen müssen so miteinander koordiniert werden, dass insgesamt ein moralischer Fortschritt erzielt werden kann. Es kann nicht oberstes Gebot des Staates sein, etwa Betrieben der Fleischindustrie den größtmöglichen Profit zu garantieren. Gleichzeitig sollte der Staat nicht generell den Fleischkonsum verbieten, weil dieser unter bestimmten Bedingungen moralisch vertretbar ist.

Wie gehen Sie damit um, dass viele Menschen einem neuen Aufklärungsprojekt gleichgültig gegenüberstehen?

Das ist natürlich ein ständiger Quell der Depression. Dafür, dass er moralische Tatsachen und die Existenz des Guten in die altgriechische Demokratie eingebracht hat, wurde Sokrates ja sogar hingerichtet. Als Philosoph frage ich mich ständig: Wie schaffe ich es, möglichst viele für den moralischen Fortschritt zu interessieren? Da müsste man schon in der Schule ansetzen: Jedes Kind lernt Rechnen und Schreiben, aber Grundlagen der Ethik werden nicht vermittelt. Das hat auch mit der Randständigkeit der Philosophie in unserer Gesellschaft zu tun. In dieser Hinsicht hat uns Frankreich einiges voraus.

Dieses Interview – das erste über sein neues Buch – erscheint auch leicht gekürzt im Börsenblatt Spezial Sachbuch, das sich unter anderem mit der aktuellen Situation des Sachbuchmarkts und mit Büchern über die Corona-Krise beschäftigt. Das Heft (Börsenblatt 26/2020) erscheint am 25. Juni (auch als E-Paper verfügbar).

Bibliographie:
Markus Gabriel: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Universale Werte für das 21. Jahrhundert, Ullstein, 384 S., 22 €, ET: 3.8.2020

Zur Person
Markus Gabriel, geboren 1980, studierte in Bonn, Heidelberg, Lissabon und New York. Seit 2009 hat er den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne und ist dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie. Er ist Direktor des interdisziplinären Center for Science and Thought und regelmäßiger Gastprofessor an der Sorbonne (Paris 1).

Artikel von: Michael Roesler-Graichen

Markus Gabriel „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten“ (2020)

„Unsere hochmoderne Wissensgesellschaft des 21 Jahrhunderts hat auf der Basis naturwissenschaftlich-technologischen Fortschritts Systeme produziert, die unseren moralischen Fortschritt blockieren, indem sie per Fake News, digitaler Überwachung, Propaganda und Cyberkrieg dazu führen, dass wir das Vertrauen in Wahrheit, Wissen, Wirklichkeit und unser Gewissen verlieren. Das ist das Paradoxon unserer Zeit.“ (S.267)

Politik, die bewusst mit falschen Tatsachen argumentiert, bedroht die Existenz jedes Einzelnen von uns: Wir werden weggewischt wie eine Falschmeldung von gestern.

Um es vorweg zu sagen: Ich habe keine Erklärung parat für das, was mich – wie so viele andere Menschen auch – derzeit beinahe täglich in Fassungslosigkeit stürzt. Ich vertrete auch keine Meinung, die man liken oder disliken könnte. Kaum eine Nachrichtensendung, bei der mir nicht plötzlich das Realitätsbild verrutscht und ich mich frage: Bin ich in irgendeiner dystopischen Kinofantasie gelandet? Was machen die da? Wie reden die? Was für eine Wirklichkeit wird da durch Worte und Bilder geschaffen? Wie konnte es so weit kommen?

  • Norbert Niemann

    Norbert Niemann

    Geboren 1961, lebt als Schriftsteller am Chiemsee und in München. Zuletzt erschienen die Romane „Willkommen neue Träume“ (2008) und „Die Einzigen“ (2014). 1997 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet, erhielt er 2015 den Carl-Amery-Preis, 2016 den International Music Theatre Now Award für „Musicophilia“ (Bühnenfassung nach Oliver Sacks) und das New-York-Stipendium des Deutschen Literaturfonds. Im April 2017 erscheint der Essay „Erschütterungen. Literatur und Globalisierung“.

Ich ahne es, aber kann es noch nicht fassen, das macht ja meine Fassungslosigkeit aus. Andererseits kreist mein Denken im Grunde ständig um das, was mich so fassungslos macht. Vielmehr es schwirrt. Es ist ein ganzer Schwarm von Gedanken, der aufgescheucht kreuz und quer in alle Richtungen stiebt und die Enge meines Kopfes ausfüllt, gegen die Begrenzungen des Schädels prallt und zurückgeschleudert wird in den Tumult, der strenggenommen immer der Begleiter meines Lebens als Schriftsteller gewesen ist. Meines Lebens überhaupt. Weil ich nie ganz fassen kann, was mich als Wirklichkeit umgibt, was mein Dasein auf der Achse fortschreitender Zeit und Veränderung beeinflusst und bestimmt und ausmacht. Weil mir nie eine fertige Sprache zur Verfügung steht, die auszudrücken in der Lage ist, was gerade geschieht. Ich immer erst durch Nachdenken und Schreiben, durch Lesen, also durch Auseinandersetzung mit dem Nachdenken und Schreiben anderer, und – was über das Denken hinausgeht – durch Erzählen, die Möglichkeitsform der Fiktion, mich – vielleicht, hoffentlich – Erkenntnissen und Erfahrungen formulierend annähere, die das Wirkliche auf ihre hinter den Wort- und Bilderschleiern verborgenen Zusammenhänge durchdringen können.

Affekt- und Ideologiegeschosse

Doch gerade jetzt, in diesem Zustand einer Fassungslosigkeit, die den gewohnten Taumel meiner Weltwahrnehmung in einem so hohen Maß überschreitet, dass mir die durch jahrzehntelange Übung vertrauten Prozesse der Sprachfindung fürs erste nicht weiterzuhelfen scheinen, ist mir der Sprung ins Fiktionale fürs erste verwehrt, gerät mir selbst die Fiktion unter Verdacht. Als stünde plötzlich das Geschichtenerzählen als Form, die offen bekannte Erfindung von Wirklichkeit als (um ein Walter-Benjamin-Wort zu gebrauchen:) „Armatur“ des Menschen gegen die Zumutungen einer vorgetäuschten Realität zur Disposition. Als wäre die Fassungslosigkeit zu groß, um Sprache zu werden. Als könnte Literatur derzeit nur so tun, als wäre sie Literatur, nur erfüllen, was jemand anders, jedenfalls nicht sie selbst, beschlossen hat, dass sie zu sein habe, oder was jemand anders, nicht sie selbst, glaubt, dass wieder andere glauben, es sei Literatur. Als gehörte die Behauptung ihrer Existenz ebenfalls schon ins Reich der Fake-News.

Woher rührt der Verdacht? Mein scheinbar abruptes, in Wahrheit schon längere Zeit wachsendes und mittlerweile ausgewachsenes Misstrauen und Selbstmisstrauen? Und was hat das mit meiner Fassungslosigkeit angesichts der täglichen Meldungen zu tun? Als Bumerang schießen die Fragen in den Kopftumult zurück, wo sie an anderen Fragen und Gedanken zerschellen, bis auf einmal ein nächster neuronaler Impuls vordringlich wird, nämlich dieser:

Ich habe geschrieben, dass mir keine Sprache zur Verfügung steht, um die Gegenwart zu erfassen. Dass ich deshalb unermüdlich Sätze bildete, sie aufschrieb. So machte ich mein Denken gleichsam laut, lauter als ein Mund es je könnte, machte es leise, leiser als eine Stimme es je vermöchte. Laut, weil die Gedanken durch Formulierung aus meinem Schädel befreit, über den unmittelbar umgebenden Raum hinausgetragen wurden in einen Sprachraum. Worin sich auch andere aus ihren Schädeln befreite Gedanken und Sätze aufhielten, damit sie in einem Prozess wechselseitiger Anregung und Befruchtung, aber auch der Abwehr und Kollision vielleicht zu so etwas wie einer Verständigung kommen konnten. Leise, weil diese wie treffend auch immer formulierten und geordneten Sätze, Wortgebilde sind, der Prüfung, des Einspruchs, der weiteren Vertiefung zugänglich und fähig. Durch andere, durch mich selbst. Schreiben bedeutete mir immer Entäußerung, ein Abrücken von den Beschränkungen des Ichs, um in eine Zwischenzone überzutreten, in der die Überwältigungen medialer Alltagsrealität, ihre Affekt- oder Ideologiegeschosse, die unablässig auf mein Bewusstsein zielen, wenn schon nicht gänzlich abgewehrt, so doch abgepuffert werden konnten.

Entwürdigung des Gegenübers

Warum aber muss ich zurzeit gerade darüber so viel nachdenken? Weil ich den Eindruck nicht loswerde, dass es genau diese Zwischen- und Pufferzone der Sprache ist, die gerade der Zerstörung preisgegeben wird? Einer Zerstörung, die sich seit längerem abzeichnet, jetzt flächendeckend zu werden droht? Und wieso erscheint mir die Art und Weise dieser Zerstörung so überaus perfide? Als würden die Voraussetzungen zwischenmenschlicher Verständigung auf den Kopf gestellt! Was bedeutet es, wenn Macht und Öffentlichkeit plötzlich von Gesten der Verwerfung beherrscht werden, die jede Möglichkeit von Austausch von vornherein zunichtemachen? – – –

You are fake news – Donald Trumps Bemerkung zum CNN-Reporter auf seiner ersten Pressekonferenz als President elected steht hier ja nur stellvertretend für einen Sprechakt, der bei den Putins, Erdoğans, Rechtspopulisten und, als wären sie von einem Sprachvirus befallen, immer häufiger auch bei als seriös geltenden Politikern, Moderatoren, Journalisten zu beobachten ist. Er transportiert die Haltung: Mit dir rede ich nicht, denn du repräsentiert Täuschung, Lüge, Böswilligkeit und Dummheit. Er sagt darüber hinaus: die Welt der Medien ist grundsätzlich Fake, deshalb ist es nicht nur moralisch richtig, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen, sie zu verdrehen, lächerlich zu machen, sondern auch völlig legitim, sie mit eigenen Fake-News zu füttern, auf ein paar Lügen mehr oder weniger kommt es schließlich nicht an. Nicht zuletzt sagt er: Ich habe dich ein für allemal durchschaut, darum schere ich mich nicht mehr um dich, sondern agiere von nun an so, wie es allein für mich von Vorteil ist. Nicht nur deine Fakes ignoriere ich, sondern dich. Als Person, als Ich, als Mensch. Du bist Fake-News.

Während der literarische Gestus seit Aufklärung und Moderne darin besteht, sich durch Spracharbeit einem Erkennen anzunähern, das durch welche Gründe auch immer verstellt ist, versucht der rhetorische Gestus seine aus Erkenntnis oder vermeintlicher Erkenntnis gewonnene Überzeugung mittels Sprache durchzusetzen. Mit dem Du-Bist-Fake-News-Gestus aber wird offenkundig ein dritter Typus sprachlichen Handelns in Stellung gebracht. Er besteht aus drei Komponenten: der Verweigerung von Kontaktaufnahme, der Entwürdigung seines Gegenüber durch Verachtung und dem totalen Anspruch auf Deutungshoheit in einer ohnehin als Fake entlarvten Öffentlichkeit.

Anspruch von Deutungshoheit

Allmählich begreife ich ein wenig mehr von meiner Fassungslosigkeit. Zum einen verstört mich die Perversion einer für offene demokratische Gesellschaften konstitutiven Grundhaltung. Das Bewusstsein, dass wir von Illusionen über die Wirklichkeit beherrscht werden und umstellt sind, das Bestreben, den „Schleier der Maya“ in Frage zu stellen, ist essenzielle Vorbedingung für das Zustandekommen jedes Dialogs. Weil wir uns einigen wollen über die Wahrheit der Fakten, führen wir ihn. Und es ist ein Dialog, der nie enden kann und nicht enden darf, sollen nicht Täuschungen, Lügen und Dummheit sich der Realität bemächtigen. Wie Hannah Arendt in ihrer Lessing-Rede sagte: „Nicht nur die Einsicht, dass es die eine Wahrheit innerhalb der Menschenwelt nicht geben kann, sondern die Freude, dass es sie nicht gibt und das unendliche Gespräch zwischen den Menschen nie aufhören werde, solange es Menschen gibt, kennzeichnet die Größe Lessings.“ Die You-Are-Fake-News-Geste hingegen tarnt sich in einer Art feindlicher Übernahme als Geste der Aufgeklärtheit, um eben dieses unendliche Gespräch zu sabotieren und ihre Interessen rücksichtslos durchzusetzen. Aber kann in dem Fall von Sabotage überhaupt noch die Rede sein? Setzt sie nicht ein Bewusstsein voraus für das, was sabotiert werden soll? Während hier nur krude Ignoranz am Werk ist?

Zum anderen bestürzt mich eine Entwicklung, die sich im Begriff „feindliche Übernahme“ bereits andeutet, die seit langem in alle Teilbereiche der Gesellschaft eingedrungen ist, sich dort breitmacht und nun auch ganz unmittelbar die politische Herrschaft erfasst. – „Du weißt ja, Trump ist kein Zufall“, schrieb mir kürzlich ein befreundeter Kollege, und ich dachte sofort: Natürlich weiß ich das. – Doch genaugenommen ahne ich es nur, wenn auch ganz deutlich. Warum um alle Welt wäre Trump denn bitteschön kein Zufall?

You are fake news – mit der in diesem Satz wortgewordenen Geste springt die Haltung der Marktideologie auf die politische Praxis über. Es ist die Dynamik der sogenannten schöpferischen Zerstörung, die, zum Kernprinzip gesamtgesellschaftlicher Organisation erhoben, die repräsentativen und kritischen Instanzen eben dieser Gesellschaft kassiert und so zur endgültigen Herrschaft strebt. Marktlogik reduziert den Menschen zum Konsumenten, die zwischenmenschlichen Beziehungen auf Konkurrenz. Schert sich nicht um gewachsene soziale und kulturelle Strukturen von Regionen, ganzen Weltgegenden, wenn es um Profitmaximierung geht – von der beruflichen Existenz kleiner Leute ganz zu schweigen. Zwingt mit ihrem alleinigen Argument, nämlich die Wirtschaft anzukurbeln, die Menschen unter Arbeitsbedingungen der Selbstoptimierung und Selbstausbeutung, unter Einheitsbedürfnisse, die entlang von Umsatzprognosen beliefert werden. Beansprucht die totale Deutungshoheit nach der Devise: Wahr, gut und rechtens ist, was sich durchsetzt. Jede Perspektive außerhalb der ökonomischen wird ausgeblendet, jedes andere Interesse übergangen. Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis auch die Menschen, jeder Einzelne von uns, übergangen wird.

Fiktion als Möglichkeitsraum

Der Philosoph Achille Mbembe vergleicht in seiner Kritik der schwarzen Vernunft die Praktiken der globalisierten Ökonomie mit den „Sklavenlogiken des Fangens und Erbeutens“. Die „kolonialen Logiken der Besetzung und Ausbeutung“ greifen auf sämtliche Strukturen unseres Zusammenlebens über. Wie Sklaven seien Menschen des 21. Jahrhunderts zunehmend dazu verurteilt, „ihren Körper und ihr Denken von außen funktionieren zu sehen und in Zuschauer von etwas verwandelt zu sein, das ihre eigene Existenz war und nicht war“. Mit anderen Worten: Der schwarze, leere Körper, die Nicht-Identität des „Negers“ wird universell, das Gesicht des Menschen verschwindet hinter den Profilen der Trendforschung. Wir werden zum Produkt, das für seine eigene Produktion schuftet und zahlt. Aus dem Blickwinkel des Business erscheint alles jenseits der Projektionen der Profitmaschinerie als nachrangig und fällt nicht ins Gewicht.

Es ist die Ignoranz, Verachtung und Gewissenlosigkeit der Marktlogik, die sich in der ökonomischen Globalisierung seit Jahrzehnten austobt und nun offenbar auch die Herrschaftslogik befällt. Lässt es sich vielleicht so sagen: Der You-Are-Fake-News-Gestus droht die „Fakeisierung“ unserer Existenz in eine politische Realität zu überführen, in der die Lebenswirklichkeiten Einzelner keine Rolle mehr spielen? Weggewischt werden wie eine Falschmeldung von gestern? Ist die globale schöpferische Zerstörung durch die Marktideologie im Begriff, in eine globale geopolitische Verstörung überzugehen? Mit allen Konsequenzen?

Für mich als Schriftsteller jedenfalls wird es darum gehen müssen, den Raum der Fiktion als Möglichkeitsraum wiederzufinden, zu verteidigen und sichtbar zu machen – als den einzig realen Ort der Verständigung.

As some of my friends have noticed, over the last few years, I have not been very well. I’ve been drifting. My body and my mind were detached, like floating in the ocean and going wherever the current would take me. It was such a very weird feeling. And I knew exactly what the reason was. The uncomfortable truth is that I fell out of love with the technology world and that I am not excited by the future anymore. At least the future that is being built today.
With the terrible Paris attacks last year, I kept asking this question to myself: If the world we are building is so amazing, why would someone take a gun and kill my friends? I couldn’t find any answer. So I escaped Paris and traveled to the first destination I could find: Bali. I was drifting again.
Bali had that incredible impact on me. Being far away from the craziness of this world, slowing down gave me the opportunity to better understand the source of my recurrent discomfort. In the world of technology, we are taught to build things fast. Sometimes too fast. But Life and people are not like lines of code. We can’t break things just to see how it will work out. Everything we create online can have a huge impact on the real world. And we spend so little time studying the consequences of what we build. Competition for attention has slowly replaced the values of the founding fathers of the lnternet.
I have personally witnessed this change in technology. Because my daily life is now affected by the consequences of this change. I have identified at least three things that make me fear this future.

The first one is (the lack of) ownership.

For many people, entering this new digital world means the end of ownership. At first it was more like a conceptualisation. But now I can see the impact this has on my daily life.
I used to own CDs, books, magazines, art, and so many things that helped me shape my own personality. Now it’s all about subscriptions. I didn’t mind subscribing to some services until I started to see, in Paris or everywhere I would go, that it also meant closing bookstores, record shops and even public libraries. That struggling magazines have to loose some of their identity to the advertisers. And Culture is becoming increasingly commoditized. Every once in a while, some famous artist dies and my entire news feed lights up with old nostalgia videos edited overnight. Now that I have 30 years of online experience, I truly believe that the offline world treated with much more respect subcultures than the digital world. Mega platforms have become the mac donald’s of the minds.

It scares me so much. I feel that when people don’t own anything they don’t have anything to lose.

The second one is algorithmic choice.

My relationship with content and ideas has always been obsessive and intense. Today, it’s really hard to accept the fact that the machine should decide what’s important for me. Because as good as the algorithms are, they are black boxes with very little control over them.
Of course I hear all the arguments on machine filtering. Because we live in a super busy world and because our friends are producing so much information (or noise), an entity should mediate and organise it wisely. But honestly, are we busy because of our lives or because of our tools? I reject the underlying philosophy of this new technical design.
I don’t believe we should optimize and apply machine learning to everything. Content, like life, is about finding pleasure in messy and unpredictable situations. It’s about content serendipity and friends mentorship. It’s about all these little things technology wants to make impossible in the future.

The last one is the impossibility to slow down.

There’s an incredible paradox to see the rise of meditation and mindfulness in Silicon Valley while most products that are built are designed to accelerate time and stress. While the Dunbar number of meaningful interactions with other humans is around 120, our social graphs are breaking records every days about how many people we can talk to.
Most of the tools I have in my phone can’t help me enjoy the present time. Because none of them live in the present. For one simple reason. On the Internet of today, the past or the present are not interesting . The new gold rush is about dominating the near future. A world where our next actions, our next intent, our chats and our searches can be turned into monetisable actions.
It has an incredible impact on who we are. We can’t be in a place without the urge of telling our friends what we do. The idea of impressing others comes before our own satisfaction of the present moment.

At any given time we are stuck in an infinite number of conversations. With humans or robots. And our mobiles are trying constantly to stimulate our senses with notifications.

Like many, I have been caught into the craziness of the last technological decade. I’ve have seen billion-user platforms emerge from the ground up without any deep thinking about how it would impact the world we live in.
I have started to engage that conversation, but in our tech world it’s taboo. We have designed an unsustainable world for the planet and for your brains. Seriously, do we need to sell to the same people every year a slightly updated new phone with marginally better software?
I wish something different could come up. A sort of Slow web that is to technology what slow food is to processed things.
We need to give people access to other choices, other life narratives, other tools, and other ideologies. A sort of “organic sustainable slow technology” that fights this commoditization of everything online and offline.
I feel it’s time to build this and for that I want to stop drifting and get back to building products that make me love the future again.
There’s never been one truth and one path, especially in technology. We just need more people to raise their voice and be part of this.
Thanks for listening.