Bei den 70. Internationalen Filmfestspielen von Berlin triumphiert erneut ein iranischer Film. Mohammad Rasoulofs kafkaeskes Puzzle »There Is No Evil« gewinnt den Goldenen Bären. Damit wird das Festival einmal mehr seinem Ruf, besonders für politische Filme geeignet zu sein, gerecht. Eliza Hittmans politisches Teenager-Drama »Never Rarely Sometimes Always« erhält den Großen Preis der Jury. Der…

Es gibt keine Mauern der Vorstellungskraft — intellectures

„In unseren Träumen lösen wir uns von Normen“

Mit „Körper und Seele“ gewann Ildikó Enyedi die Berlinale. Die zarte Romanze spielt ausgerechnet in einem Schlachthof. Aus gutem Grund, sagt die ungarische Regisseurin.
Ildikó Enyedi: Ildikó Enyedi
Ildikó Enyedi © Zsolt Meszaros

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie sich ausgerechnet ein Schlachthaus als Kulisse für eine Liebesgeschichte ausgesucht?

Ildikó Enyedi: In einem Schlachthof sind Körper und Seele auf sehr dramatische Weise präsent. Damit meine ich nicht nur den Prozess des Tötens der Tiere, der hier maschinell betrieben wird, sondern vor allem die Atmosphäre in den Gattern, in denen die Tiere warten. Sie stehen dort 24 Stunden, bevor sie geschlachtet werden, in aller Stille zusammen. Ich war mir sicher, dass die Tiere wissen, was auf sie zukommt. Man sieht es in ihren Augen und an ihrer Körpersprache. Wir haben dort viele Stunden verbracht und mit der Zeit erkennt man die Persönlichkeit der Tiere.

ZEIT ONLINE: Ist der Schlachthof in Ihrem Film auch ein metaphorischer Ort?

Enyedi: Zunächst einmal ist ein Schlachthof ein ganz normaler Arbeitsplatz. Gäbe es keine Schlachthöfe, wären die Metzgereien und die Fleischtheken in den Supermärkten leer. Es ist also ein ganz realer Ort, der jedoch die kaum auszuhaltenden Extreme veranschaulicht, auf denen unser Leben aufbaut. Um diese Extreme aushalten zu können, spalten wir Situationen wie das Schlachten von uns ab, lagern sie aus der Gesellschaft aus und professionalisieren den Umgang mit etwas, das wir eigentlich durchleben und an unsere Seele heranlassen sollten. Deshalb haben wir auch genau dieses Schlachthaus ausgesucht, das sehr modern und bestens ausgestattet ist: Ich wollte die Grausamkeit in der gut geölten Funktionalität, den Horror in der Routine zeigen.

ZEIT ONLINE: „Ohne Bereuen geht es bei uns nicht“, sagt in Ihrem Film der Leiter des Schlachthofs während eines Einstellungsgesprächs. Wie gehen die Menschen, die dort tatsächlich arbeiten, mit diesem Horror der Routine um?

Enyedi: Der Betreiber des Schlachthofs, in dem wir gedreht haben, war ein wunderbarer, sehr umsichtiger Mann. Er sucht seine Mitarbeiter sehr genau aus und behält sie die ersten Monate über im Auge, um zu sehen, ob sie dieser Arbeit psychisch gewachsen sind. Wenn man sich in einer Situation befindet, die größer als man selbst und eigentlich nicht auszuhalten ist, hat die Seele zwei Möglichkeiten damit umzugehen: Die eine Möglichkeit ist, grausam und sadistisch zu werden. Das kann man in Kriegen oder Konzentrationslagern beobachten, wo Menschen innerhalb weniger Monate in der Lage sind, die schrecklichsten Dinge zu tun. Dafür muss der Feind oder der Gefangene entmenschlicht werden. Im KZ wurden die Deportierten in „Stück“ und nicht in „Personen“ gezählt. Wenn ein Mensch zum Objekt geworden ist, kann ich mit ihm alles machen. Dieses Objektifizieren geschieht, wenn man eine Aufgabe erfüllen muss, die einfach zu viel für die eigene Seele ist. Die andere Möglichkeit ist, echtes Mitgefühl zu entwickeln. Es war wirklich erstaunlich zu sehen, wie die Mitarbeiter unseres Schlachthofs sich von dem Moment an, in dem die Rinder dort ankommen, um die Tiere kümmern, sie streicheln, mit ihnen sprechen, sie mit Respekt und einer gewissen Brüderlichkeit behandeln. Wir haben sehr viel von diesen Menschen gelernt, die ganz instinktiv auf die Tiere reagiert haben.

ZEIT ONLINE: Ihr Film zeichnet sich durch einen sehr zärtlichen Umgang mit seinen Figuren aus. Wie erschafft man diese Zärtlichkeit in diesem Ambiente und während eines so technisierten Prozesses wie dem des Filmemachens?

Enyedi: Das ist das Ergebnis von Teamwork. Meine Hauptaufgabe als Regisseurin besteht darin, alle Mitglieder der Crew ins selbe Universum zu versetzen. Wenn alle im Gleichklang mit dem Film sind, bringen sie ihr professionelles Wissen wie von selbst in die richtige Richtung und treffen die richtigen technischen und praktischen Entscheidungen. Deswegen wähle ich die Mitglieder des Teams nicht nur nach ihren professionellen Fähigkeiten, sondern auch nach ihrer Persönlichkeit aus. „Körper und Seele“ ist ein sehr feinsinniger Film. Wenn nicht alle mit dem Herzen dabei gewesen wären, hätte die Sache schnell aus dem Ruder laufen können. Schon ein anderer Schatten auf Márias Gesicht hätte eine Szene und letztlich den ganzen Film anders aussehen lassen.

ZEIT ONLINE: Im Film finden Endre und Mária zueinander, als sie feststellen, dass sie Nacht für Nacht das Gleiche träumen. Woher kam diese Idee?

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Die Schande von Lesbos

  • Erste Ausstrahlung:
    • Sonntag, 17. Januar 2016, 21:40 Uhr, SRF
Video «Die Schande von Lesbos» abspielen

2015 wird als Jahr der grossen Flüchtlingskatastrophe in die Geschichte Europas eingehen. Eine Million Menschen floh über das Mittelmeer. Es sind Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben ausser ihrem Leben. Das Drama geht weiter. «Reporter» verbrachte die ersten Tage des neuen Jahres auf Lesbos.

Alleine an der Küste der griechischen Insel Lesbos strandeten letztes Jahr über eine halbe Million Flüchtlinge, nachdem sie ihr Leben in ihrer Verzweiflung windigen Schleppern anvertraut hatten, die sie in billige Schlauchboote setzten. Über 3700 Menschen starben bei der gefährlichen Überfahrt. Und die Welt schaut zu – hilflos und tatenlos. Einige wenige handeln. Sie stehen im kalten Wasser bereit, wenn die Flüchtlingsboote ankommen. Sie verteilen warme Kleider und Lebensmittel.

Michael Räber aus Münsingen ist ein Helfer der ersten Stunde. Seit September ist er auf Lesbos. Mit seiner Organisation «Schwizerchrüz» hilft er den Flüchtlingen bei der Ankunft auf Lesbos. Gemeinsam mit anderen Helferinnen und Helfern bildet er eine Menschenkette, wenn wieder ein Boot mit verängstigten und unterkühlten Menschen ankommt. Zuerst werden die Babies und Kinder, dann die Erwachsenen sicher an Land gebracht. Dort stehen weitere Freiwillige bereit, die trockene Kleider und wärmende Rettungsdecken verteilen.

Mit Bussen werden die Flüchtlinge vom Strand ins Registrierungscamp in Moria gefahren. Nur wer sich registriert, kann ein Billet für die Fähre aufs griechische Festland kaufen. Das Camp wird von Freiwilligen betrieben. Die Zürcherin Liska Bernet von der Organisation «Better days for Moria» arbeitet im Koordinationsteam. Sie teilt die Helferinnen und Helfer ein und versucht den Flüchtlingen wenigstens ein bisschen Geborgenheit und Menschlichkeit zu vermitteln.

Die Reporter Patrick Schellenberg und Marc Gieriet besuchten die griechische Ferieninsel, die zum Inbegriff einer gescheiterten europäischen Flüchtlingspolitik wurde. Eine berührende Reportage vom Schandfleck Europas.

«Reporter» filmt auf Lesbos (Januar 2016)

Wim Wenders: „Ich bin keine Plaudertasche“ | ZEIT ONLINE.

Wie viel vom Leid anderer darf in die eigene kreative Arbeit fließen? Eine Frage, die Wim Wenders in dem leisen Drama „Every Thing Will Be Fine“ stellt – und sich selbst. Interview: 

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Wim Wenders im Februar auf der Berlinale, wo sein Film „Every Thing Will Be Fine“ Premiere feierte  |  © dpa

ZEIT ONLINE: In Ihrem Film verursacht der junge Schriftsteller Tomas einen Autounfall, bei dem ein kleiner Junge stirbt. Im rechtlichen Sinne trifft ihn keine Schuld, aber er verkraftet das Geschehene nicht. Seine Arbeit als Schriftsteller wird nach dem Unfall besser, und es wird angedeutet, dass ihn dieses furchtbare Erlebnis dazu inspiriert hat. Inwiefern darf man für den eigenen kreativen Prozess über Erfahrungen, insbesondere über leidvolle Erfahrungen anderer verfügen?

Wim Wenders: Das ist eine Frage, die im Kino selten gestellt oder gar beantwortet wird. Wenn es heißt: „Nach einer wahren Geschichte“, was ist dann mit den Menschen, denen diese wahre Geschichte passiert ist? Freuen die sich, sich wiederzuerkennen, oder bedrückt sie das eher? Schriftsteller und Filmemacher müssen sich die Frage nach der Verantwortung gleichermaßen stellen. Jemandem geschieht etwas, mitunter auch etwas Leidvolles, und wir machen daraus eine Fiktion. Was ist uns dann wichtiger: der wirkliche Mensch oder unsere Verarbeitung? Tomas braucht lange und muss richtig geschüttelt werden, bis er sich seiner Verantwortung dem wirklichen Menschen gegenüber stellt.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich selbst schon mehrmals intensiv mit dieser Frage nach der eigenen Verantwortung auseinandergesetzt, zum Beispiel als Sie 1980 Lightning Over Water gedreht haben, eine Dokumentation über das Lebensende des krebskranken Filmemachers Nicholas Ray. Wie sind Sie mit ihr umgegangen?

  • Wim Wenders
  • Zum Film „Every Thing Will Be Fine“
Wim Wenders gehört zu den wichtigsten deutschen Filmemachern. Er zählt zu den Vertretern des Neuen Deutschen Films und gründete 1971 den Filmverlag der Autoren mit. Die diesjährige Berlinale ehrte den 69-Jährigen mit dem Ehrenbären für sein Lebenswerk und einer Retrospektive von zehn Filmen, die aber nur einen Bruchteil seines Schaffens abbildete. Wenders drehte sowohl erfolgreich Spielfilme wie Alice in den Städten (1974), Paris, Texas (1984), Der Himmel über Berlin (1987), Don’t Come Knocking (2005) als auch Dokumentationen, etwa Buena Vista Social Club (1999) oder Das Salz der Erde (2014). 2011 drehte er den Dokumentarfilm Pina über die Choreografin Pina Bausch und nutzte dabei erstmals 3-D. Er war so begeistert von den Möglichkeiten, dass er sich vornahm, fortan ausschließlich mit dieser Technik zu arbeiten. Das jüngste Ergebnis, Every Thing Will Be Fine, lief außer Konkurrenz im Wettbewerb der Berlinale.

Wenders: Ich habe mich jeden Tag gefragt, ob wir weitermachen sollten. Ich selbst hätte eigentlich jederzeit lieber aufgehört, ich fand, wir waren dabei, Grenzen zu überschreiten. Doch vor allem Nicks Ärzte sagten immer wieder: „Die Arbeit tut ihm gut, macht weiter! Wenn ihr zu drehen aufhört, zieht ihm das den Teppich unter den Füßen weg.“ Also haben wir weitergemacht. Unser Dreh war tatsächlich eher eine Art Sterbebegleitung als Filmemachen. Das war natürlich ein extremer Fall, aber ein Fall, in dem der Betroffene wollte, dass es den Film gibt. Und das finde ich absolut notwendig, wenn man ein reales Schicksal in eine Fiktion überführt.

ZEIT ONLINE: In Every Thing Will Be Fine wird nichts darüber gesagt, ob die Mutter des tödlich verunglückten Kindes Tomas‘ Romane liest. Man kann sich kaum vorstellen, wie es sich anfühlt, ein Buch zu lesen, dem eigenes Leid wie der Unfalltod eines Kindes als Inspiration diente. Wollten Sie darüber nicht spekulieren?

Wenders: Ich wollte das einfach nicht so explizit benennen. Ich wollte lieber, dass sich der Zuschauer diese Frage stellt, als dass unsere Charaktere sie beantworten.

ZEIT ONLINE: Stimmt der Satz „Die Zeit heilt alle Wunden“?

Wenders: In unserem Fall ist es nicht die Zeit, sondern die Zuwendung zu dem anderen, die Heilung bringt.

Video: Kino - Every Thing Will Be Fine“ (Trailer)

„Every Thing Will Be Fine“ (Trailer) © 2015 Warner Bros. Ent. Video kommentieren

ZEIT ONLINE: Es existiert diese Vorstellung, dass etwas nur dann künstlerischen Ausdruck finden kann, wenn im Inneren des Künstlers etwas vor sich geht. Bedeutet das auch, dass der Künstler etwas in seinem Inneren nicht nur spüren, sondern sogar bewahren muss, bis er es schließlich künstlerisch äußern kann?

Wenders: Ich kenne keine geschwätzigen Schriftsteller. Dabei kenne ich eine ganze Menge, auch sehr vertraut: Paul Auster, Peter Carey, Sam Shepard und am besten Peter Handke. Sie tragen alle ein gewisses Geheimnis in sich. Man spürt, dass sie vieles, was sie sehen, in sich aufnehmen, verarbeiten, und gerade deswegen sicher nicht gleich ausplaudern werden. Um das Leben in ihr Schreiben einfließen zu lassen, können und dürfen sie keine Small-Talk-Künstler sein. Sie sind auch wenig bereit, von sich aus Dinge zu erzählen. Schriftsteller sind wohl eher bedächtige Leute.

ZEIT ONLINE: Sie sind selbst künstlerisch tätig. Wie empfinden Sie das?

Wenders: Ich bin auch keine Plaudertasche. Ich schreibe viel lieber, als dass ich rede. Vielleicht ist das auch etwas typisch Männliches. Ich bin immer wieder erstaunt, wie oft und über wie vieles Frauen sich austauschen. Sie bringen selbst schwere Dinge einfach sofort auf den Tisch. Dann muss darüber geredet werden und auch ruhig doppelt so lange wie eigentlich nötig. Für Männer gilt eher: Wenn wir es einmal gesagt, geschrieben oder gesimst haben, ist es raus und beendet. Wir müssen nicht noch einmal darüber reden. Wir sind viel wortkarger. Und unser Tomas ist einer der wortkargsten.

ZEIT ONLINE: Die Arbeit des Regisseurs stelle ich mir unter anderem genau deswegen so schwierig vor: Man muss die ganze Zeit in sich hineinhorchen, dort etwas entstehen lassen und dann aber andauernd kommunizieren, weil man den anderen ja mitteilen muss, was geschehen soll. Fällt Ihnen dieses viele Reden über ihre künstlerischen Absichten schwer?